Wer übernimmt Pistorius' Vermächtnis?
Die AfD bereitet sich auf die Übernahme vor
von Axel Fersen
Am 22. April 2026 hat Boris Pistorius in Berlin die erste Militärstrategie der Bundesrepublik überhaupt vorgelegt. Die Bundeswehr soll zur konventionell stärksten Armee Europas anwachsen, mit 460.000 Soldaten und Reservisten. Der Verteidigungshaushalt steigt von 108,2 Milliarden Euro 2026 auf rund 150 Milliarden Euro 2029, mehr als die kumulierten Ausgaben Frankreichs und Großbritanniens zusammen. Russland wird ausdrücklich als die größte Bedrohung benannt. Pistorius schmiedet damit ein Instrument, dessen politische Reichweite weit über seine Amtszeit hinausragt – und tut dies, ohne die Schranken einzubauen, die in der derzeitigen Lage zwingend wären.
Bild: KI generiert
Die innenpolitische Konstellation ist ungemütlich. YouGov sah die AfD Mitte April 2026 bei 27 Prozent, die Union bei 23 Prozent, die SPD bei 13 Prozent. 79 Prozent der Wahlberechtigten geben an, mit der Bundesregierung Merz unzufrieden zu sein. Die Mehrheit gegen die AfD bröckelt. Wer 2029 oder im Falle einer vorgezogenen Wahl früher die Verfügungsgewalt über die größte konventionelle Armee Europas haben wird, ist offen. Pistorius schmiedet, doch wer wird führen?
Die AfD inszeniert sich seit 2026 als Friedenspartei – und genau das ist die eigentliche Gefahr. Im April 2026 wurde Rüdiger Lucassen, neun Jahre verteidigungspolitischer Sprecher und einer der wenigen NATO-Verteidiger der Partei, zum erzwungenen Rücktritt gezwungen; selbst Alice Weidel sprach sich plötzlich gegen die Wehrpflicht aus, auf einmal war von einer multipolaren Welt und von Putin-Verständnis die Rede. Wer diesen Wandel als ideologische Konversion liest, missversteht das Verhaltensmuster rechtsnationaler Parteien. Es ist nie Pazifismus, es ist Wahltaktik. Donald Trump zog 2016 mit der Ablehnung der stupid wars und endless wars in den Wahlkampf, fing damit die kriegsmüde Working Class ein – und ließ 2020 den iranischen General Soleimani töten, brach das Atomabkommen, drohte 2025 Grönland, Kanada, Panama und Venezuela mit militärischer Übernahme und führt seit Februar 2026 die größte amerikanische Militäroperation seiner beiden Amtszeiten, den Krieg gegen Iran. Das Muster wiederholt sich bei Putin, der mit Stabilitätsversprechen antrat und seither vier Kriege geführt hat, bei Erdoğan, der als gemäßigter Reformer begann und heute in Syrien und Libyen interveniert, bei Mussolini, der als Sozialist anfing und in Abessinien endete. Die Friedensrhetorik in der Opposition ist nicht das Programm, sie ist die Eintrittskarte. In der Regierung wird sie umstandslos durch nationalistische Machtprojektion ersetzt.
Die AfD-Wähler werden heute mit „multipolarer Welt”, NATO-Skepsis und Putin-Verständnis gewonnen; in der Regierung würde eine 460.000-Mann-Bundeswehr nicht eingemottet, sondern in den Dienst dessen gestellt, was die AfD ihre deutschen Interessen nennt. Das alte AfD-Wehrprogramm – eigener Generalstab, Militärjustiz, Bundeswehr im Inneren, deutsche Atomwaffen, Restauration der Wehrhaftigkeit – ist nicht widerrufen worden, sondern lediglich aus dem Schaufenster genommen. Beide Flügel der Partei, der nationalstolze und der vermeintlich pazifistische, arbeiten am selben Ziel: die historische Selbstbeschränkung deutscher Macht zu beenden. Pistorius schmiedet, und beide Flügel würden das Schwert nicht einlegen, sondern führen – vielleicht zuerst nach innen, gegen Migranten und politische Gegner; vielleicht später nach außen, sobald sich ein „nationales Interesse” konstruieren lässt. Das schlägt direkt in das historische Misstrauen ein, das jede deutsche Aufrüstung in Warschau, Paris und London ohnehin auslöst.
Polen ist der Staat, dessen kollektives Gedächtnis am unmittelbarsten betroffen ist. Die Wehrmacht überfiel das Land am 1. September 1939; sechs Millionen polnische Bürger, darunter rund drei Millionen polnische Juden, wurden während der deutschen Besatzung ermordet, Warschau wurde planmäßig zerstört. Die Reparationsfrage ist nicht erledigt: Die PiS-Regierung bezifferte die deutschen Schulden 2022 auf 1,3 Billionen Euro. Wenn Jarosław Kaczyński davon spricht, man biete Polen ein Polen unter deutschem Stiefel an, ist das nicht rhetorisches Gewürz, sondern direkte Anspielung auf das, was zwischen 1939 und 1945 buchstäblich geschah. Präsident Karol Nawrocki blockierte im März 2026 deshalb die EU-Rüstungskredite aus dem SAFE-Programm. Eine deutsche Armee von 460.000 Mann unter einer als rechtsextrem eingestuften Regierung beschwört in Warschau keine abstrakte Risikoanalyse herauf, sondern ein konkretes geschichtliches Trauma. Sikorskis Beruhigung, deutsche Stärke beunruhige ihn weniger als deutsche Zurückhaltung, gilt nur, solange Berlin im NATO-Rahmen verlässlich bleibt. Sobald diese Voraussetzung erschüttert wird, kehren die Bilder von 1939 in die polnische Öffentlichkeit zurück, schneller als jede Pressestelle reagieren kann.
Frankreichs Verhältnis zu deutscher Militärmacht ist von 1870, 1914 und 1940 grundiert – drei Generationen Erbfeindschaft, in denen Frankreich dreimal überfallen wurde. Der französische Schriftsteller François Mauriac brachte die anhaltende Skepsis auf die Formel, er liebe Deutschland so sehr, dass er gerne zwei davon hätte; François Mitterrand handelte 1990 nach diesem Geist und drängte Helmut Kohl in die Maastrichter Goldenen Handschellen des Euro, um die Wiedervereinigung zu verkraften. Bloomberg berichtet jetzt über wachsende Nervosität in Paris angesichts der deutschen Aufrüstung. Liana Fix vom Council on Foreign Relations warnt in Foreign Affairs, Frankreich, Polen und andere Staaten könnten versuchen, Deutschland gegenzubalancieren, mit dem Ergebnis, dass Europa von Russland abgelenkt und gespalten wäre. Die deutsch-französischen Großprojekte FCAS und MGCS stecken bereits in tiefen Konflikten; Berlin treibt seine Beschaffung von US-amerikanischen F-35 voran und geht damit aus französischer Sicht den falschen Weg. Sollte zu diesem schon angespannten Verhältnis eine AfD-geführte Regierung in Berlin hinzukommen, wird Marine Le Pens Rassemblement National – Macrons potenzieller Nachfolger 2027 – das deutsche Argument als Selbstbeleg seiner eigenen Programmatik nutzen. Bardella hat die europäische Verteidigungsunion bereits als Hirngespinst abgetan. Eine nationalistische Achse Paris-Berlin würde Europa nicht stärker, sondern unfertig hinterlassen.
Großbritanniens Verhältnis zu deutscher Macht hat ein eigenes Kapitel. Margaret Thatcher versammelte am 24. März 1990 in Chequers Historiker um sich, um die deutschen Nationaleigenschaften zu katalogisieren; das durchgesickerte Powell-Memo nannte Aggressivität, Schikanenneigung, Egozentrik, Minderwertigkeitskomplex und Sentimentalität. Wenige Wochen später trat Industrieminister Nicholas Ridley zurück, nachdem er die Währungsunion als deutsches Komplott zur Übernahme Europas bezeichnet hatte. Thatcher selbst soll zu Mitterrand gesagt haben, man habe Deutschland zweimal geschlagen und wolle es kein drittes Mal tun. Diese Schablonen sind nicht historisch erledigt – die britische Boulevardpresse arbeitet bis heute mit Wehrmachtsbildern, der Brexit lebt in Teilen vom Misstrauen gegen ein deutsch dominiertes Europa. Der Trinity-House-Vertrag und das Kensington-Abkommen haben die deutsch-britische Verteidigungskooperation 2025 und 2026 vertieft, einschließlich einer geprüften sub-strategischen nuklearen Komponente. Diese Kooperation steht auf der Voraussetzung, dass Berlin im NATO-Rahmen verlässlich bleibt. Eine deutsche Regierung, die diese Voraussetzung kündigt oder aushöhlt, würde London nicht nur außenpolitisch, sondern psychologisch in seine alten Reflexe zurückfallen lassen. Die Schablonen warten.
Italien hat weniger geschichtlichen Stoff, dafür offene industrielle Optionen. Mit Großbritannien und Japan baut Rom das Kampfflugzeugprojekt GCAP und hofft auf eine deutsche Beteiligung – also auf eine deutsche Loslösung vom FCAS. Diese Option liegt offen auf dem Tisch und wäre der erste konkrete Bruch der deutsch-französischen Achse, sollte Berlin politisch driften.
Innenpolitisch hat Pistorius die Sondervermögen und die Grundgesetzänderung zur Aussetzung der Schuldenbremse durchgesetzt, ohne die Frage zu beantworten, was geschieht, wenn dieses Instrument in andere Hände fällt. Was als Ausnahme gedacht war, wird zur Erbschaft. Demokratische Kontrolle wird systematisch erschwert, je geheimer und je schneller beschafft wird. In Belgien und Italien gab es bereits Generalstreiks gegen Aufrüstungsprogramme. Pistorius selbst betont, die operativen Pläne blieben aus Sicherheitsgründen geheim. Eine ungehemmt aufrüstende Demokratie braucht jedoch nicht weniger Kontrolle, sondern mehr.
Der Begriff der Kriegstüchtigkeit verbirgt diese Spannung. Im demokratischen Sinne meint er Verteidigungsfähigkeit. Im falschen Sinn bedeutet er militärisch stolz, konfliktbereit, politisch dominant – genau jene deutsche Selbstbeschreibung, vor der Polen, Frankreich und Großbritannien sich seit zwei Jahrhunderten fürchten. Die Schnez-Studie von 1969, die Bundeswehr und Gesellschaft einer Reform an Haupt und Gliedern unterziehen wollte, kehrt im AfD-Programm wieder. Wenn Bundeswehr und Wehrwille in dieser Logik neu ausgerichtet werden, ist Pistorius’ Apparat etwas anderes als der Sozialdemokrat im Sinn hatte – er ist genau das, was die historischen Schablonen der Nachbarn neu beschriftet.
Nationale Präpotenz ist die zwangsläufige Folge. Liana Fix verweist auf Timothy Garton Ashs Idee der goldenen Handschellen: Beschränkungen deutscher Souveränität durch tiefere Integration. Genau diese Beschränkungen will die AfD abschaffen. Pistorius hat sie nicht eingebaut. Er schmiedet ein Schwert ohne Knauf – ein Instrument, das morgen in Hände gerät, gegen die er es nie gerichtet sehen wollte und die ihre Friedensrhetorik beim ersten Regierungstag ablegen werden, wie Trump es getan hat. Die SPD liegt bei 13 Prozent. Ein Sozialdemokrat wird vermutlich nicht der nächste Verteidigungsminister sein. Damit erbt Pistorius’ Nachfolger nicht nur einen 460.000-Mann-Apparat, sondern auch das geballte historische Misstrauen, das jede deutsche Aufrüstung in Warschau, Paris und London ohnehin auslöst – ein Misstrauen, das nicht aus Vorurteil entsteht, sondern aus belegter Erfahrung.
Pistorius schmiedet die stärkste konventionelle Armee Europas. Die offene Frage ist nicht nur, wem sie gehören wird – sondern wem sie schon jetzt, allein durch ihre Existenz, gehört zu sein scheint.
Quellverzeichnis
ZDFheute: Bundeswehr soll konventionell stärkste Armee Europas werden (22. April 2026).
Breaking Defense: New status quo: Germany reaches for European conventional military dominance (März 2026).
Deutscher Bundestag: Pistorius zur Verteidigungslage und zum Sondervermögen (KW39 2025).
Bayerische Staatszeitung: Sonntagsfrage – AfD klar stärkste Kraft (YouGov) (April 2026).
t-online: Rüdiger Lucassen und die NATO – warum der AfD-Politiker zurücktreten musste (14. April 2026).
NPR: Trump promised the MAGA base no new wars. Then he went to war with Iran (März 2026).
CNN: Trump once warned lives will be wasted in Iran war. Now he is leading one (März 2026).
Tagesspiegel: AfD-Wehrprogramm: Generalstab, Militärjustiz, Wehrpflicht.
Euronews: Poland formally demands €1.3 trillion from Germany in WWII reparations (Oktober 2022).
PBS News: Poland demands $1.3 trillion in World War II reparations from Germany.
Tagesspiegel: Man schlägt uns ein Polen unter deutschem Stiefel vor – Nawrocki blockiert SAFE (März 2026).
The American Interest: Three Reichs and You’re Out (Mauriac-Zitat).
Deutsche Wirtschafts-Nachrichten: Deutschlands Aufrüstung – Frankreich bewertet Machtverhältnisse neu (Januar 2026).
Foreign Affairs: Liana Fix, Europe’s Next Hegemon (März 2026).
Friedrich-Naumann-Stiftung: Deutsch-französische Impulse für eine europäische Verteidigungspolitik (Januar 2026).
Washington Post: Thatcher Briefed on Fear of Bonn (Chequers-Memo) (16. Juli 1990).
New York Review of Books: Timothy Garton Ash, The Chequers Affair (September 1990).
Britain’s World: Trinity House Agreement und sub-strategische nukleare Abschreckung (April 2026).
Le Monde: Italy, UK and Japan hope to bring Germany into fighter jet project (Februar 2026).
World Socialist Web Site: Germany rearms for war with Russia in 2026 war budget (Dezember 2025).
Blätter für deutsche und internationale Politik: AfD: Wehrwille und Heimatschutz.
Chronicles Magazine: Liana Fix on Germany’s golden handcuffs (Februar 2026).


Quatsch. Es ist nicht absehbar, dass die AfD irgendwann Deutschland allein regiert. Deutschland braucht eine starke Armee. Und der einzige Gegner ist Russland. Sie wollen demnach den Russen helfen?