Was Aufrüstung mit einem Volk macht
Über den stillen Umbau des deutschen Charakters
von Axel Fersen
Wenn ein Staat aufrüstet, verändert er nicht nur Truppenstärken und Beschaffungslisten – er verändert die Gesellschaft, die ihn trägt. Die Bundesregierung tut beides zugleich, und sie tut es offensiv: Verteidigungsminister Boris Pistorius hat seit Oktober 2023 den Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ ausdrücklich nicht nur auf die Truppe, sondern auf die Gesellschaft als Ganze bezogen und einen „Mentalitätswechsel“ in der gesamten Bevölkerung verlangt.1 Bis 2029, hat er im Juni 2024 vor dem Bundestag erklärt, müsse Deutschland kriegstüchtig sein.2 Damit ist eine politische Entscheidung gefallen, die in der sicherheitspolitischen Debatte oft vernachlässigt wird: Aufrüstung wird nicht als technische Anpassung verstanden, sondern als Erziehungsprogramm. Sie zielt auf Einstellungen, Sprache, Schulwesen und Alltagswahrnehmung. Sie zielt, in der älteren Vokabel des 19. Jahrhunderts, auf den Volkscharakter.
Die Politikwissenschaft beschreibt diesen Vorgang seit Längerem als zwei miteinander verschränkte Bewegungen. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Militarisierung als Prozess, der sich nicht in Rüstungsausgaben erschöpft, sondern eine zunehmende Akzeptanz von Krieg als Mittel der Politik in der breiteren Gesellschaft mit einschließt.3 Das GIGA-Institut unterscheidet ergänzend zwischen materieller Militarisierung – Geld, Personal, Material – und diskursiver Militarisierung, also der Militarisierung von Sprache, Sicherheitsdiskurs und politischer Kultur. Beide verstärken sich gegenseitig: Wo der öffentliche Sicherheitsdiskurs sich militarisiert, wachsen die Spielräume des Militärs in Politik und Gesellschaft.4 Die Bundeszentrale spricht in einem APuZ-Beitrag aus dem Jahr 2024 ausdrücklich von einer „schleichenden Militarisierung“ der bundesdeutschen Zivilgesellschaft, die sich noch vor der breiten politischen Debatte vollzogen habe.5
Was diese Verschiebung mit einem Volkscharakter macht, lässt sich empirisch genauer benennen, als die deutsche Debatte gewöhnlich tut. Eine umfassende Übersichtsarbeit in Nature Reviews Psychology aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass das Erleben einer als gefährlich wahrgenommenen Welt psychologisch verlässlich autoritäre Dispositionen aktiviert: Bedrohungsdiskurse erhöhen messbar die Zustimmung zu Konformität, zu Unterordnung unter Autorität und zur Aggression gegen Außengruppen.6 Eine 2025 in Politics and Governance veröffentlichte Regressionsanalyse zur Legitimation von Krieg fand in einer großen Stichprobe, dass autoritäre Unterordnung, rigide Männlichkeitsnormen und soziale Dominanzorientierung die stärksten Prädiktoren der Zustimmung zu Krieg sind – und zwar unabhängig vom politischen Lager der Befragten.7 Wer also den öffentlichen Diskurs dauerhaft auf Bedrohung, Wehrhaftigkeit und nationale Anstrengung umstellt, erzeugt nicht nur die gewünschte Verteidigungsbereitschaft. Er erzeugt das psychologische Klima, in dem autoritäre Politik strukturell anschlussfähig wird.
Diese Verschiebung wirkt nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Institutionen, die eine Demokratie tragen. Eine vergleichende Studie aus Frontiers in Psychology hat in zwei repräsentativen ungarischen Stichproben vor und nach acht Jahren Fidesz-Regierung gezeigt, dass autoritäre Persönlichkeitsmerkmale und Systemrechtfertigung in der Bevölkerung in dem Maße zunahmen, in dem das politische System selbst illiberal wurde.8 Der Befund verallgemeinert sich: Eine Demokratiestudie im Journal Democratization weist nach, dass das Vertrauen der Bürger in genau jene Institutionen, die sie wählen können – Parlamente, Regierungen, Parteien – in den westlichen Demokratien sinkt, während das Vertrauen in nicht gewählte Institutionen wie Militär, Justiz und Verwaltung wächst.9 Das ist kein Zufallsbefund, sondern die strukturelle Eigenheit aller militarisierten politischen Kulturen: Sie verschieben Legitimität von der demokratischen Aushandlung zur exekutiven Entschlossenheit, von der Debatte zur Lagebeurteilung, von der Bürgerin zum Untertan in der Hierarchie nationaler Anstrengung.
Hinzu kommt der Sozialstaat. Etliche internationale Studien zeigen, dass Verteidigungsausgaben tendenziell steigen, wenn das Militär an politischem Einfluss gewinnt, während Bildungsbudgets und andere zivile Etats unter Druck geraten.10 Der Bonner Globale Militarisierungsindex misst genau dieses Verhältnis – Militärausgaben, Truppenstärke und schweres Gerät im Vergleich zu Gesundheit und Bildung – und macht damit sichtbar, dass Militarisierung immer eine Verteilungsfrage ist.11 In Deutschland ist diese Verteilungsfrage längst entschieden: Der Verteidigungshaushalt 2026 ist mit 108,2 Milliarden Euro der höchste in der Geschichte der Bundesrepublik, während Bürgergeld, Kindergrundsicherung, Bildung und Pflege als ständig verhandelbar gelten.12 Eine Gesellschaft, deren Staat seine eigenen Schulen verfallen lässt, aber dreitausend Boxer-Kampfpanzer im Volumen von vierzig Milliarden Euro bestellt, lehrt ihre Bürger, was sie selbst wert sind. Das ist Charakterbildung – nur eben eine andere als die in den Sonntagsreden behauptete.
Sprachlich verläuft derselbe Vorgang oft schneller als ökonomisch. Sozialwissenschaftliche Forschung zur Sozialen Arbeit beschreibt für die Phase nach 2022 eine „breite diskursive, kognitive und affektive Militarisierung“ des öffentlichen Raums, in dem militärische Logik und Praxis erklärt und gerechtfertigt werden, während pazifistische Positionen als Naivität markiert sind.13 Der Begriff „Kriegstüchtigkeit“ selbst ist Teil dieses Vorgangs. Er ist nicht nur historisch belastet – Joseph Goebbels titelte am 9. Juli 1944 in Das Reich „Kriegstüchtig wie nur je“ –, er ist auch in seiner Funktion durchsichtig: Er soll eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten Krieg als das politisch zu Verhindernde verstanden hat, an die Vorstellung eines führbaren Krieges gewöhnen.14 Forsa-Daten zeigen, wie weit dieses Programm noch von seinem Ziel entfernt ist: Nur 16 Prozent der Befragten wären bereit, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen, 59 Prozent schließen das kategorisch aus.15 Diese Werte sind keine pathologische Schwäche, sondern Ausdruck einer historischen Lernleistung. Sie politisch umzukehren, bedeutet nicht, eine Gesellschaft sicherer zu machen. Es bedeutet, ihren Charakter zu überschreiben.
Genau hier wird die Sache demokratiepolitisch gefährlich. Forschungen zur Militarisierung der Bildung dokumentieren, wie Jugendoffiziere der Bundeswehr seit 2008 über Kooperationsverträge mit mehreren Bundesländern strukturellen Zugang zu Schulen erhalten und wie das Bild des Soldatischen über Filme, Computerspiele und Kinderserien in den zivilen Alltag eingeschrieben wird.16 Eine Demokratie kann sich solche Eingriffe leisten, solange sie politisch stabil ist. Wenn jedoch zugleich, wie in Deutschland gegenwärtig, eine in mehreren Landesverbänden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in Bundestrendumfragen bei über 26 Prozent steht, dann verschiebt sich das Risikoprofil. Eine bereits militarisierte Sprache, eine an Bedrohungsszenarien gewöhnte Bevölkerung, ein gestiegenes Vertrauen in nicht gewählte Hierarchien und ein geschwächter Sozialstaat sind die idealen Voraussetzungen für jene Politik, die die Aufrüstung in Wahrheit nicht ablehnt, sondern radikalisieren möchte.17 Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einer Analyse vom September 2025 gezeigt, dass insbesondere bei den Themen Sozialabbau und Aufrüstung in Teilen der Union die Versuchung wächst, mit der AfD radikalere Schritte zu gehen, als sie mit der SPD denkbar wären. Mit dem neuen Bekenntnis der AfD zur Wehrpflicht, so der Befund, sei eine bisherige Hürde für eine Zusammenarbeit gefallen.18
Die Frage, was Aufrüstung mit einem Volk macht, hat damit eine andere Tiefe als die Frage nach Truppenstärken oder Beschaffungslisten. Sie betrifft, was eine Gesellschaft sich selbst zumutet, welchen Institutionen sie vertraut, welche Sprache sie für selbstverständlich hält und welche Charaktereigenschaften sie an ihren Kindern bewundert. Eine Demokratie, die sich verteidigungsfähig machen will, ohne ihre eigene Substanz zu verlieren, müsste den umgekehrten Weg gehen: Sie müsste Bedrohung nüchtern statt heroisch beschreiben, Sicherheit europäisch statt national organisieren, soziale Infrastruktur als Teil von Resilienz begreifen und politisch ehrlich aussprechen, dass eine mehrheitlich nicht kampfbereite Bevölkerung keine Schwäche, sondern eine Errungenschaft ist. Der gegenwärtige Kurs tut das Gegenteil. Er erzeugt das psychologische, sprachliche und ökonomische Klima, in dem genau jene Kräfte gedeihen, die eine demokratische Sicherheitspolitik am Ende kaum noch tragen werden.
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Fußnoten und Quellen
1 NZZ: „Pistorius und die Kriegstüchtigkeit: Deutschland muss kämpfen lernen“, 05.11.2023, https://www.nzz.ch/international/pistorius-und-die-kriegstuechtigkeit-deutschland-muss-kaempfen-lernen-ld.1763792.
2 Deutscher Bundestag: „Boris Pistorius: Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“, 05.06.2024, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw23-de-regierungsbefragung-1002264.
3 Bundeszentrale für politische Bildung: „Militarisierung, Militarismus und zivil-militärische Beziehungen“, https://www.bpb.de/themen/militaer/deutsche-verteidigungspolitik/549788/militarisierung-militarismus-und-zivil-militaerische-beziehungen/.
4 GIGA Focus: „Materielle und diskursive Militarisierung in Demokratien“, https://www.giga-hamburg.de/de/publikationen/giga-focus/materielle-und-diskursive-militarisierung-in-demokratien.
5 BpB: „Schleichende Militarisierung. Beobachtungen zur Veränderung der Zivilgesellschaft“, APuZ Bundeswehr 2024, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556392/kriegstuechtig/.
6 Osborne, D. et al.: „The psychological causes and societal consequences of authoritarianism“, Nature Reviews Psychology, 2023, https://www.nature.com/articles/s44159-023-00161-4.
7 „Exploring Personality Traits in the Legitimation of Military Aggression“, Politics and Governance, Vol. 13, 2025, https://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/article/viewFile/10292/4692.
8 Lönnqvist, J.-E., Szabó, Z., Kelemen, L.: „The New State That We Are Building – Authoritarianism and System-Justification in an Illiberal Democracy“, Frontiers in Psychology, 2021, https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2021.703280/full.
9 Merkel, W. u.a.: „Resilience of democracies: responses to illiberal and authoritarian challenges“, Democratization, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13510347.2021.1928081.
10 Vgl. die Übersicht in BpB: „Militarisierung, Militarismus und zivil-militärische Beziehungen“ mit Verweis u.a. auf Brauner 2014 und Töngür et al. 2015, https://www.bpb.de/themen/militaer/deutsche-verteidigungspolitik/549788/militarisierung-militarismus-und-zivil-militaerische-beziehungen/.
11 Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC): Globaler Militarisierungsindex (GMI),
https://gmi.bicc.de/
.
12 Zum Bundeshaushalt 2026 und zum Boxer-Beschaffungsprogramm „Arminius“ vgl. WSWS: „Kriegshaushalt 2026“, https://www.wsws.org/de/articles/2025/12/01/haus-d01.html.
13 „Krieg, Konflikt und Soziale Arbeit“, Beltz Juventa Leseprobe, S. 1 ff., https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/9783779975014_shortened.pdf.
14 Zur historischen Belastung des Begriffs vgl. taz: „Sprache in Zeiten des Kriegs – Soll man das Wort ‚kriegstüchtig‘ verwenden?“, https://taz.de/Sprache-in-Zeiten-des-Kriegs-/!6101575/.
15 Forsa-Befragung zur Verteidigungsbereitschaft, referiert in der taz-Debatte zur Kriegstüchtigkeit, https://taz.de/Sprache-in-Zeiten-des-Kriegs-/!6101575/.
16 Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung: „Militarisierung des Unterrichts“ (mit Belegen zu den Kooperationsverträgen Bundeswehr–Bundesländer seit 2008), https://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/de/article/49.militarisierung-des-unterrichts.html.
17 Aktuelle AfD-Werte im Wahltrend, dawum.de, Stand 25.04.2026, https://dawum.de/AfD/.
18 Gerd Wiegel / Rosa-Luxemburg-Stiftung: „Fortgesetztes Aufbauprogramm für die AfD“, 04.09.2025, https://www.rosalux.de/news/id/53768/fortgesetztes-aufbauprogramm-fuer-die-afd.

