Opus Dei
Das Netzwerk der Macht
von Axel Fersen
Als der Finanzjournalist Gareth Gore 2017 den Zusammenbruch der spanischen Banco Popular untersuchte, suchte er einen gewöhnlichen Fall unternehmerischer Gier. Er fand etwas anderes. Hinter der Bank, die über ein halbes Jahrhundert zu den profitabelsten Europas gehört hatte, standen Stiftungen mit einem gemeinsamen Merkmal – Verbindungen zum Opus Dei. Aus der Bankrecherche wurde ein Buch, das die Organisation als das beschreibt, was sie nie sein wollte: einen Machtakteur. Opus Dei bestreitet die Darstellung. Doch selbst wohlwollende Rezensenten, etwa der Jesuitenzeitschrift America, halten fest, dass die meisten Gegendarstellungen Gores Recherchen nicht widerlegen.
Damit ist der Punkt benannt, um den dieser Text kreist. Es geht nicht um die Frömmigkeit der rund 94.450 Mitglieder, die das Werk weltweit zählt. Es geht um eine bestimmte Bauart von Einfluss – eine, die ohne Parteibuch, ohne Bilanz und ohne sichtbare Befehlskette auskommt, und die gerade deshalb so schwer zu fassen ist. Wer sie beschreiben will, muss unterscheiden lernen: zwischen dem, was belegt ist, und dem, was sich der Beweisbarkeit entzieht, ohne deshalb unwahr zu sein.
Der spanische Ursprung: Modernisierung im Dienst einer Diktatur
Wer den Einfluss des Opus Dei verstehen will, beginnt in Franco-Spanien. Im Februar 1957 stellte der Diktator sein Kabinett um. An die Stelle der ideologisch erschöpften Falange traten Fachleute, die eine liberale Wirtschaftspolitik vertraten und mehrheitlich dem Opus Dei nahestanden: Alberto Ullastres, Mariano Navarro Rubio, bald darauf Laureano López Rodó. Sie betrieben den Stabilisierungsplan von 1959, der die autarke Nachkriegswirtschaft beendete, die Peseta abwertete und Spanien für ausländisches Kapital öffnete. Es folgte das „spanische Wirtschaftswunder“.
Die Versuchung, darin eine geplante Machtübernahme zu sehen, ist groß – und die redliche Analyse widersteht ihr. Der britische Historiker Paul Preston, ein Kenner der Franco-Zeit, warnt vor dem Kurzschluss: Die Ankunft der Technokraten sei weder finster noch gerissen gewesen, sondern eine pragmatische Antwort auf einen bankrotten Staat. Diese Differenzierung ist wichtiger, als sie klingt. Sie trifft genau die Frage, an der sich jede seriöse Betrachtung des Opus Dei entscheidet: Wo endet die Karriere geprägter Einzelner, und wo beginnt die Strategie einer Institution?
Belegt ist das Ergebnis, nicht der Plan. Bis Mitte der 1960er Jahre saßen Opus-Dei-nahe Männer an zentralen Schaltstellen der Finanz-, Industrie- und Außenhandelspolitik. Bei einer Regierungsumbildung 1969 galten so viele Minister als dem Werk verbunden, dass in Madrid vom „einfarbigen Kabinett“ die Rede war. Die spanische Kritik jener Jahre fand dafür einen schärferen Namen. 1970 erschien, aus dem Exil über die Zensur ins Land geschmuggelt, Jesús Ynfantes einflussreiches Buch über Aufstieg und Methode der Organisation; sein Titel lautete „La Santa Mafia“ – die heilige Mafia. Ob das gerecht war, sei dahingestellt. Unstrittig ist die Lehre, die bleibt: Persönliche Netzwerke entfalten in autoritären Systemen strukturelle Wirkung, auch ohne schriftliche Anweisung.
Bildung als Kapital: die eigentliche Infrastruktur
Der dauerhafteste Einfluss des Werks liegt nicht in der Tagespolitik, sondern in der Ausbildung von Eliten. Nach eigenen, im Juni 2024 veröffentlichten Angaben bestehen Betreuungsvereinbarungen mit 19 Universitäten (rund 117.000 Studierende), zwölf Business Schools (etwa 11.500 Studierende) und 275 Schulen (rund 147.500 Schüler). Die Organisation betont, diese Einrichtungen seien zivilrechtlich eigenständig, hätten eigene Leitungen und eigene Finanzen; sie erhielten lediglich „geistliche Betreuung“.
Diese Formel verdient genaue Betrachtung, denn sie ist zugleich zutreffend und aufschlussreich. Zutreffend, weil kein juristischer Strang von der Prälatur zu den Hörsälen führt. Aufschlussreich, weil ausgerechnet an der 1952 gegründeten Universidad de Navarra der jeweilige Prälat des Opus Dei von Amts wegen Großkanzler ist – jene Person also, die an der Spitze der Organisation steht. Wo die Führung einer als unabhängig bezeichneten Universität mit der Führung der Prälatur zusammenfällt, wird die Rede von bloßer „geistlicher Betreuung“ schmaler, als sie klingen soll. Zur Navarra gehört die Wirtschaftshochschule IESE, die seit Jahrzehnten Führungskräfte für Wirtschaft und Verwaltung formt.
Das ist kein Skandal. Bildungsarbeit ist legitim, und die meisten Absolventen werden ihr Leben lang nie in Gores Nähe geraten. Doch es erklärt die Wirkungsweise. Wer über ein halbes Jahrhundert Manager, Juristen und Beamte prägt, muss keine Weisungen erteilen. Er muss nur warten. Gore beschreibt, wie das Werk gezielt „Zielpersonen“ zur Rekrutierung identifiziere – junge Menschen, die vermögend sind, aus vermögenden Familien stammen oder es werden dürften. Ein Rezensent des National Catholic Reporter, der Gore sonst kritisch liest, hält gerade diesen Befund für belegt.
Das Geld: Einfluss ohne Holding
Finanziell ist das Werk fast systematisch schwer zu erfassen. Prälatur, örtliche Vereine, Stiftungen, Schulen und Wohnheime sind rechtlich getrennt. Eine zentrale Holding gibt es nicht. Genau diese Dezentralität ist der Kern der Kontroverse um die Banco Popular.
Gores Recherche verdichtet sich um den Finanzier Luis Valls-Taberner, lebenslanges Mitglied im Rang eines Numerariers und über Jahrzehnte Vorsitzender der Bank. Über ein Geflecht von Gesellschaften – Gore nennt es „das Syndikat“ – sei Geld aus der Bank in Stiftungen geflossen, die der Expansion des Werks dienten. Die Beweisführung ist die einer Spurensuche, nicht eines Geständnisses: Es gebe, schreibt Gore, keinen Papierweg, der direkt zur Prälatur zurückführe. Das Opus Dei stützt seine Zurückweisung auf ebendiese Lücke – die Prälatur habe „keine Rolle“ beim Kollaps der Bank gespielt.
Man kann diesen Einwand ernst nehmen und dennoch fragen, wie viel er wiegt. Eine Organisation, die sich institutionell von jedem Finanz-, Polit- und Kirchenskandal fernhält, wird schwerlich durch das Fehlen ihres Namens auf einem Vertrag entlastet, wenn ihre Mitglieder die handelnden Personen waren. Die America-Rezension formuliert es nüchtern: Genau die Distanz zwischen Institution und Personen sei das Muster, das Gore beschreibe – und ihr Fehlen wäre die Überraschung gewesen.
Der amerikanische Hebel: von Franco zu Roe v. Wade
Die These, das Werk sei eine spanische Fußnote der Geschichte, hält der Gegenwart nicht stand. In den Vereinigten Staaten läuft der Einfluss über konservative katholische Netzwerke, über das Catholic Information Center in Washington – seit 1993 Priestern des Opus Dei anvertraut – und über Persönlichkeiten wie den Juristen und Netzwerker Leonard Leo, Mitvorsitzender der einflussreichen Federalist Society. Gore ordnet die Aufhebung des liberalen Abtreibungsrechts (Roe v. Wade) in diese Linie ein und zieht ein Fazit, das der America-Rezensent zitiert: Nicht seit dem Franco-Regime habe die Bewegung derart direkten Zugang zu politischer Macht gehabt wie heute in den USA.
Hier ist Sorgfalt geboten – und sie zeigt sich in der Genauigkeit, nicht im Ausruf. Leo ist kein Mitglied des Opus Dei; er ist ihm verbunden. Die Richter Scalia, Thomas und Alito werden dem konservativen katholischen Milieu zugerechnet, nicht der Prälatur. Doch der Punkt ist gerade, dass die Trennschärfe, auf die das Werk pocht, seine Wirkung nicht schmälert, sondern erklärt. Ein Milieu, das Personen prägt und vernetzt, muss keine Mitgliederlisten führen, um zu wirken. Der Rezensent des Religion News Service sieht in Gores Arbeit deshalb einen öffentlichen Dienst: die Benennung eines Akteurs im christlich-nationalistischen Feld, der lange unbenannt blieb.
Der Preis der Macht: Argentinien, Peru, Spanien
Wo Macht sich über Loyalität, Bindung und Diskretion organisiert, entstehen eigene Missbrauchsrisiken. Sie sind in den vergangenen Jahren aktenkundig geworden.
Am schwersten wiegt der Fall Argentinien. Nach einer über zweijährigen Untersuchung kamen Staatsanwälte 2024 zu dem Schluss, es bestehe Grund für ein Strafverfahren gegen frühere Verantwortliche des Werks in Südamerika. Der Vorwurf, von der Nachrichtenagentur AP dokumentiert: Menschenhandel und Arbeitsausbeutung gegen mindestens 44 Frauen – überwiegend Mädchen und Jugendliche aus armen, ländlichen Familien –, die als „Numerarier-Assistentinnen“ über Jahre Haushaltsdienste unter Bedingungen leisteten, die die Ermittler als „mit Knechtschaft vergleichbar“ einstuften. Das Opus Dei in Argentinien weist die Anschuldigungen kategorisch zurück und spricht von frei gewählten Berufungen, deren Ausbildung aus dem Zusammenhang gerissen werde. 2025 wurde das Verfahren auf Mariano Fazio ausgeweitet, den Hilfsvikar der Prälatur – die zweithöchste Position des Werks weltweit.
Der Fall greift tiefer als individuelles Versagen. Er berührt die Konstruktion selbst: Rekrutierung Minderjähriger, geistliche Bindung, unbezahlte Arbeit, Kontrolle über Lebensentscheidungen. Wo die Grenze zwischen freier Berufung und Abhängigkeit verläuft, wird nun ein Gericht klären müssen.
Hinzu kommt der Fall des ersten Kardinals aus dem Opus Dei, Juan Luis Cipriani, langjähriger Erzbischof von Lima. Der Vatikan bestätigte im Januar 2025, dass gegen ihn seit 2019 Sanktionen bestehen – Beschränkungen seiner öffentlichen Tätigkeit, seines Wohnorts und seiner kardinalischen Insignien –, nachdem ein Mann geschildert hatte, 1983 als Minderjähriger in einem Opus-Dei-Zentrum missbraucht worden zu sein. Cipriani nennt die Vorwürfe „vollständig falsch“. In Spanien wiederum räumte das Werk 2025 ein, einen Priester trotz Übergriffen gegen Minderjährige über Jahre versetzt zu haben, und bat öffentlich um Entschuldigung.
Auffällig ist, dass das Opus Dei in eigenen Dokumenten inzwischen von „Schatten und Fehlern“ spricht. Das ist mehr als Rhetorik – aber weniger als eine unabhängige Aufarbeitung.
Rom hält Abstand: das Verhältnis zum Vatikan
Innerhalb der Kirche hat sich die Lage des Werks verschoben. Unter Johannes Paul II. erreichte es seine höchste Anerkennung: 1982 die einzigartige Rechtsform der Personalprälatur, 2002 die Heiligsprechung des Gründers Escrivá – nur 27 Jahre nach dessen Tod, ein Tempo, das Kritiker bis heute befremdet.
Papst Franziskus kehrte den Kurs um, ohne zu verurteilen. Mit dem Motu proprio „Ad charisma tuendum“ vom Juli 2022 unterstellte er das Werk statt der Bischofsbehörde dem Dikasterium für den Klerus, verpflichtete es zu einem jährlichen statt fünfjährlichen Bericht und verfügte, dass der Prälat künftig nicht mehr zum Bischof geweiht wird. Der Titel des Dokuments – „Zum Schutz des Charismas“ – klingt freundlich; die Wirkung war eine Herabstufung. Für eine Organisation, deren Autorität sich auch aus Sonderstatus und diskreter Exklusivität speist, ist eine solche Normalisierung empfindlich.
Der Vergleich mit anderen katholischen Kräften schärft das Bild. Die Jesuiten wirken über Theologie, Bildung und öffentliche Debatte; sie produzieren, überspitzt gesagt, Diskurse. Das Opus Dei produziert Milieus. Die Legionäre Christi, mit denen es strukturelle Ähnlichkeiten teilt – Gründerkult, Elitebildung, reiche Förderer –, wurden nach dem Missbrauchsskandal um ihren Gründer Maciel einer tiefgreifenden Reform unterzogen. Beim Opus Dei geht es bislang um Statuten, Aufsicht und Transparenz. Ob das genügt, ist offen.
Was das Werk will – und wie es sich durchsetzt
Bleibt die Frage, auf die alles zuläuft: Welche Absicht steht hinter dem Aufwand von hundert Jahren? Die Organisation selbst nennt ihr Ziel unumwunden. Es lautet, mit Escrivás Worten, „Verchristlichung der Gesellschaft“ – die Durchdringung von Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft mit einem bestimmten katholischen Geist. Das ist keine Unterstellung von Kritikern, sondern erklärter Anspruch.
Die Methode, dieses Ziel zu verfolgen, ist die eigentliche Besonderheit – und der Grund, warum das Werk in Spanien den Beinamen der weißen, der heiligen Mafia trug. Gemeint war nie ein Verbrecherbund, sondern etwas Sperrigeres: ein Netz, das sich der Öffentlichkeit entzieht. Schon zeitgenössische Beobachter beschrieben, wie die Diskretion des Werks dazu diene, ein unsichtbares Netz in allen Bereichen der Gesellschaft zu weben. Diese Bauart verzichtet auf das Sichtbare. Statt einer Partei formt sie Personen. Statt eines Konzerns unterhält sie ein Netz rechtlich getrennter Einrichtungen. Statt einer Befehlskette setzt sie auf geistliche Prägung und persönliche Loyalität, die formal privat bleibt und faktisch bindet. Und statt Öffentlichkeit pflegt sie Verschwiegenheit, die das Werk als Achtung der Privatsphäre versteht und seine Kritiker als Intransparenz.
Diese Architektur erzeugt einen doppelten Effekt. Sie macht das Opus Dei wirksam, weil geprägte Menschen in ähnlichen Milieus auch ohne Absprache in dieselbe Richtung wirken; wer seine Leute geduldig in Schaltstellen von Recht, Wirtschaft und Verwaltung wachsen lässt, braucht keine dokumentierte Weisung. Und sie macht das Werk schwer angreifbar, weil sich zwischen dem Handeln der Person und der Verantwortung der Institution stets eine juristische Lücke öffnet – dieselbe Lücke, die in Madrid keinen Vertrag zur Prälatur zurückführte und in Buenos Aires die Frage aufwirft, wer für 44 Frauen einzustehen hat.
Man muss darin keine Verschwörung sehen; die Vorstellung eines allmächtigen Schattenstaats ist analytisch schwach und wird der Sache nicht gerecht. Näher liegt eine nüchterne Diagnose: Das Opus Dei ist ein Elitennetzwerk mit religiösem Betriebssystem, das Einfluss nicht erobert, sondern kultiviert – über Generationen, mit dem längsten Atem im Feld. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob es Macht hat. Sie lautet, wie transparent und rechenschaftspflichtig diese Macht organisiert ist. Nach hundert Jahren fällt die Antwort bislang knapp aus.
Quellenverzeichnis
Buch und Rezensionen
1. Gareth Gore, Opus. The Cult of Dark Money, Human Trafficking, and Right-Wing Conspiracy inside the Catholic Church, Simon & Schuster, 2024.
2. America Magazine: Rezension zu Gores Opus (D. Cosacchi), 16. Januar 2025, americamagazine.org.
3. National Catholic Reporter: Buchkritik zu Opus, 23. November 2024, ncronline.org.
4. Religion News Service: A new book chronicles the behind-the-scenes Christian nationalism of Opus Dei, 7. Oktober 2024, religionnews.com.
5. Jesús Ynfante, La prodigiosa aventura del Opus Dei. Génesis y desarrollo de la Santa Mafia, Ruedo Ibérico, 1970; zur Einordnung Los Replicantes, 11. März 2018, losreplicantes.com.
Geschichte und Spanien
6. Encyclopaedia Britannica: Stabilization Plan of 1959, britannica.com.
7. Wikipedia: Opus Dei and politics (mit Paul Preston zur Rolle der Technokraten), en.wikipedia.org.
8. Opus-Info: El poder del Opus Dei (zur Diskretion als „unsichtbarem Netz“), opus-info.org.
Struktur, Zahlen und Kirchenrecht
9. Encyclopaedia Britannica: Opus Dei (Mitgliederzahl, Personalprälatur, Reform 2022), britannica.com.
10. Opus Dei: Educational and social initiatives which receive assistance from the Prelature (Stand Juni 2024), opusdei.org.
11. Vatican News: Papst bestätigt Personalprälatur von Opus Dei – Motu proprio „Ad charisma tuendum“, Juli 2022, vaticannews.va.
12. Wikipedia: Opus Dei (Selbstverständnis, „Verchristlichung der Gesellschaft“), de.wikipedia.org.
Vereinigte Staaten
13. Some Universities, Institutions and Centers Openly Associated to Opus Dei (Catholic Information Center, seit 1993), mgr.org.
Ermittlungen und Vorwürfe
14. Associated Press / The Seattle Times: Vatican says sanctions still in effect against Opus Dei cardinal (Cipriani; zugleich Argentinien-Kontext), 26. Januar 2025, seattletimes.com.
15. National Catholic Reporter: Argentine prosecutors accuse Opus Dei leaders in South America of trafficking and labor exploitation, 2024, ncronline.org.
16. Catholic News Agency: Opus Dei in Argentina denies accusations – (mit spanischem Priester-Fall und Ausweitung auf Fazio 2025), catholicnewsagency.com.


