von Axel Fersen
Der vierte Kriegswinter hat eine Bilanz hinterlassen, die sich nicht mehr schönreden lässt. Die UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine verzeichnete für 2025 2.514 getötete und 12.142 verletzte Zivilisten – 31 Prozent mehr als 2024 und 70 Prozent mehr als 2023. Es war das tödlichste Jahr für die ukrainische Zivilbevölkerung seit dem Beginn der Vollinvasion; 97 Prozent der verifizierten Opfer in regierungskontrolliertem Gebiet gingen auf Angriffe russischer Streitkräfte zurück (OHCHR). Die Zahlen steigen nicht trotz, sondern wegen der Art, wie dieser Krieg geführt wird.
Der Krieg verlagert sich in das Nervensystem der Gesellschaft
Nicht mehr allein Truppen, Depots und Frontlinien geraten ins Visier, sondern die Funktionsfähigkeit ganzer Gesellschaften: Strom, Wärme, Wasser, Krankenhäuser, Bahnknoten, Raffinerien. Im Oktober 2025 nahmen die russischen Streitkräfte die großflächigen, koordinierten Schläge gegen die Energieversorgung wieder auf und lösten Notabschaltungen sowie landesweite Stromrationierungen aus (OHCHR-Bericht Juni–November 2025). Zugleich weiteten die ukrainischen Streitkräfte ihre Fernangriffe auf die russische Energiewirtschaft aus. Von Bloomberg berechnete und von der Moscow Times zitierte Zahlen nennen für 2025 rund 120 Angriffe auf russische Energieanlagen, davon 81 auf Raffinerien.
Das humanitäre Völkerrecht verlangt die Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und zivilen Objekten; Anlagen, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unentbehrlich sind, genießen besonderen Schutz. Doch je moderner eine Gesellschaft, desto mehr militärisch nutzbare Ziele lassen sich in ihren zivilen Versorgungsnetzen finden. Eine Raffinerie versorgt Panzer und Heizkraftwerke zugleich, ein Umspannwerk Rüstungsbetriebe und Kinderstationen. In dieser Grauzone verschwimmt die Grenze zwischen legitimem Angriff und dem kalkulierten Aushungern einer Bevölkerung – und beide Seiten begründen ihr Handeln plausibel. Genau darin liegt die Gefahr: Das Leiden der Bevölkerung ist nicht mehr Nebenfolge des Krieges, es wird zu seinem Instrument.
Die Wette des Westens – und ihr Preis
Hinter der militärischen und finanziellen Unterstützung steht eine strategische Wette: Sanktionen, Waffenlieferungen und Fernangriffe sollen die russische Kriegswirtschaft und mit ihr den Rückhalt für den Krieg so weit zermürben, bis Moskau nachgeben muss. Hunderte Milliarden Euro sind in diese Rechnung geflossen, ohne dass die Ukraine heute in einer besseren Verhandlungsposition stünde als vor Jahren. Was die Rechnung ausblendet, ist die Gegenreaktion. Wer darauf setzt, eine Atommacht über das Leiden ihrer Bevölkerung zu zwingen, muss damit rechnen, dass diese Macht das Leiden zurückgibt – und zwar dorthin, wo sie es am günstigsten erzeugen kann.
Steigt der Druck auf die russische Bevölkerung, wächst der Anreiz, Schaden im Westen anzurichten – unterhalb der Schwelle, an der ein offener Krieg begänne. Die europäische Cybersicherheitsbehörde ENISA benennt für 2025 russlandnahe Gruppen wie APT28, APT29 und Sandworm als besonders aktive Akteure gegen EU-Ziele, mit einem erkennbaren Fokus auf Luftverkehr, Logistik und Fracht in Deutschland, Frankreich und Belgien (ENISA Threat Landscape 2025). Der Rat der Europäischen Union verurteilte 2025 ausdrücklich Russlands anhaltende hybride Kampagnen und verwies auf Cyberangriffe gegen demokratische Institutionen, Sabotage und Störungen kritischer Infrastruktur (Rat der EU). Diese Angriffe sind spürbar genug, um Kosten zu erzeugen, und verdeckt genug, um eine eindeutige militärische Antwort zu erschweren.
Häfen, Flughäfen, Stromnetze, Wasserwerke, Telekommunikationsknoten: Das sind die ersten Sprossen einer Leiter. Ihr politischer Nutzen liegt darin, Verunsicherung zu erzeugen und die Unterstützung für die Ukraine unpopulärer zu machen, ohne offen eine rote Linie zu überschreiten. Doch Leitern führen nach oben.
Am oberen Ende der Leiter
Russland hat seine Nukleardoktrin im November 2024 erweitert. Seither gilt: Ein Angriff eines nichtnuklearen Staates „mit Beteiligung oder Unterstützung“ eines nuklearen Staates kann als gemeinsamer Angriff auf Russland gewertet werden (Arms Control Association). Fachanalysen sehen darin vor allem Abschreckung, Drohkommunikation und strategische Ambiguität – eine Formel, die Moskau bewusst offen hält (Carnegie Endowment). Doch gerade diese Ambiguität erhöht das Risiko von Fehlkalkulationen. Eine Doktrin, deren Schwelle niemand genau kennt, lädt beide Seiten dazu ein, ihre Grenzen auszutesten.
Muss man daraus schließen, dass der thermonukleare Krieg bevorsteht? Hoffentlich nicht. Aber es wäre fahrlässig, ihn am oberen Ende dieser Eskalationsleiter nicht zu benennen. Eine Strategie, die auf das Zermürben einer Atommacht über ihre Bevölkerung setzt, lässt genau jenen Weg offen, an dessen Ende der Verlust der Kontrolle über die Eskalation selbst steht. Zwischen dem Cyberangriff auf ein Umspannwerk und dem nuklearen Schlagabtausch liegen viele Stufen – aber sie liegen auf derselben Leiter, und niemand hat bislang erklärt, an welcher Sprosse sie enden soll.
Zurück an den Verhandlungstisch
Die Erfahrung des Kalten Krieges lautet nicht, dass Abschreckung genügt, sondern dass zwischen unterschiedlichen Gesellschaftssystemen ein Minimalkonsens möglich ist, der die zerstörerischsten Auseinandersetzungen vermeiden hilft. Nach der Kuba-Krise waren Verträge über Rüstungskontrolle und Abrüstung zwischen den USA und der Sowjetunion möglich – nicht weil das Misstrauen verschwunden war, sondern weil beide Seiten die Alternative kannten.
Eine Politik, die das Leiden der Bevölkerungen als Hebel begreift – auf beiden Seiten der Front und potenziell weit darüber hinaus –, verwechselt Eskalation mit Stärke. Wer den Krieg beenden will, muss die Leiter herabsteigen, bevor die oberste Sprosse erreicht ist. Das setzt voraus, dass Europa aus der Zuschauerrolle heraustritt und wieder zum Gesprächspartner wird – nicht aus Nachgiebigkeit, sondern weil europäische und ukrainische Interessen sonst von niemandem vertreten werden. Die Frage ist nicht, ob dieser Weg Zumutungen enthält. Die Frage ist, welchen Preis die Alternative hat.
Quellenverzeichnis
1. UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine (HRMMU): 2025 deadliest year for civilians in Ukraine since 2022, 12. Januar 2026. https://ukraine.ohchr.org/en/2025-deadliest-year-for-civilians-in-Ukraine-since-2022-UN-human-rights-monitors-find
2. OHCHR: Report on the Human Rights Situation in Ukraine, 1 June – 30 November 2025. https://ukraine.ohchr.org/en/Report-on-the-Human-Rights-Situation-in-Ukraine-1-June-30-November-2025
3. The Moscow Times: Ukrainian Strikes Cost Russian Oil Sector Over $13Bln in 2025, Insurers Say, 9. Februar 2026. https://www.themoscowtimes.com/2026/02/09/ukrainian-strikes-cost-russian-oil-sector-over-13bln-in-2025-insurers-say-a91894
4. ENISA: Threat Landscape 2025, Oktober 2025. https://www.enisa.europa.eu/publications/enisa-threat-landscape-2025
5. Rat der Europäischen Union: Hybrid threats – Russia: Statement by the High Representative on behalf of the EU, 18. Juli 2025. https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2025/07/18/hybrid-threats-russia-statement-by-the-high-representative-on-behalf-of-the-eu-condemning-russia-s-persistent-hybrid-campaigns-against-the-eu-its-member-states-and-partners/
6. Arms Control Association: Russia Revises Nuclear Use Doctrine, Dezember 2024. https://www.armscontrol.org/act/2024-12/news/russia-revises-nuclear-use-doctrine
7. Carnegie Endowment for International Peace: Russia–s Updated Nuclear Doctrine Isn–t a Blueprint for Weapons Use, November 2024. https://carnegieendowment.org/emissary/2024/11/russia-nuclear-doctrine-update-weapons-use-sovereignty?lang=en


