Historismus
Über die Nutzlosigkeit des Historismus als Zukunftswissenschaft im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – und warum der deutsche Fernsehdiskurs aus Historikern Propheten macht
von Axel Fersen
Eine Wette auf die Wiederholung
Jede politische Prognose ist im Kern eine Wette: dass die Zukunft der Vergangenheit ähnlich genug sieht, um aus dem einen das andere abzuleiten. In ruhigen Zeiten ist das keine schlechte Wette. In einem tiefen Systembruch ist es die schlechteste, die man eingehen kann – und in genau einem solchen Bruch leben wir.
Karl Popper hat diese Wette in „Das Elend des Historizismus“ mit einer Strenge zerlegt, die bis heute trägt. Sein Argument war nicht moralisch, sondern logisch: Der Lauf der Geschichte hängt stark vom Wachstum des Wissens ab; künftiges Wissen aber lässt sich nicht vorhersagen, denn eine Entdeckung vorherzusagen hieße, sie bereits gemacht zu haben. Wer den künftigen Wissensstand nicht kennt, kann den künftigen Lauf der Geschichte nicht kennen. Verlässliche Prognosen, so Poppers Bild, gelingen nur in geschlossenen, zyklischen Systemen – wie dem Sonnensystem, abgeschirmt durch leeren Raum. Die Gesellschaft ist kein solches System: Je offener und schneller sie sich verändert, desto weniger taugt der Blick zurück als Blick nach vorn.
Historismus ist nicht das Problem
Der Begriff führt in die Irre, wenn man ihn mit Geschichtsprophetie verwechselt. In seiner klassischen, von Friedrich Meinecke geprägten Bedeutung meint Historismus eine Denkweise, die Phänomene aus ihrer geschichtlichen Gewordenheit versteht und das Einmalige ernst nimmt – eine unverzichtbare Haltung. Davon zu unterscheiden ist der Historizismus, jene von Popper als „Irrglaube“ verworfene Lehre, die Geschichte für gesetzmäßig vorhersagbar hält. Das Problem des deutschen Sicherheitsdiskurses ist deshalb nicht, dass Geschichte vorkommt – sie muss vorkommen. Das Problem ist ein Automatismus: die Gewohnheit, aus „So war es“ ein „So wird es“ und daraus einen moralischen Handlungsbefehl zu machen. Dieser Geschichtsautomat läuft seit dem russischen Überfall im Dauerbetrieb, und sein Meinungskorridor führt fast immer in dieselbe Richtung: mehr Härte, mehr Abschreckung, mehr Mobilisierung. Das ist kein Erkenntnisformat, sondern ein Alarmformat mit Bildungsanstrich.
Wie das Fernsehen aus Experten eine Dramaturgie baut
Dass dies kein bloßer Eindruck ist, zeigt die Empirie. Eine Untersuchung der Bundeszentrale für politische Bildung über die deutschen Talkshows zu Russland und der Ukraine von 2013 bis 2023 belegt eine deutliche Verschiebung des Personals: An die Stelle der einst auffällig russlandfreundlichen Gäste traten sicherheits- und militärpolitische Fachleute. Eine zweite Analyse aus demselben Heft, gestützt auf über 4.000 Beiträge in acht Leitmedien, kommt zu einem Befund, der hellhörig machen sollte: Die Berichterstattung verortete die Kriegsverantwortung klar bei Russland – und plädierte zugleich eher für Waffenlieferungen als für Verhandlungen. Wie weit dieser Reflex trägt, zeigt das Programm selbst. Als das ZDF im März 2026 bei „Markus Lanz“ einen Schwerpunkt zu Verteidigung, Wehrdienst und Krieg setzte, lautete die Leitfrage nicht mehr, wie sich Sicherheit verändert, sondern: „Freiheit, Demokratie, Heimat – wer oder was wäre es wert, verteidigt zu werden?“ Das ist der Moment, in dem Analyse in Bekenntnis kippt – aus Risikoabwägung wird die Reifeprüfung der Nation.
Drei Beispiele, eine Grammatik
Wie diese Grammatik funktioniert, zeigt sich an ihren kompetentesten Vertretern – und gerade deren Kompetenz ist der Punkt. Sie macht die Wirkung größer, nicht kleiner, und sie entlastet niemanden.
Sönke Neitzel hält den einzigen deutschen Lehrstuhl für Militärgeschichte in Potsdam; eben deshalb wiegt seine mediale Rolle schwer. Im ZDF zog er eine „Parallele zu den 30er Jahren“ und stellte Japan, Italien und Deutschland als historische Revisionsmächte neben das heutige Russland und China. Die Analogie ist rhetorisch mächtig – aber sie ist eine Behauptung über die Zukunft, getarnt als historischer Befund. Noch deutlicher wird es beim Urteil über Sanktionen: Ihm falle „kein historisches Beispiel“ ein, in dem ein Wirtschaftskrieg einen solchen Konflikt entschieden habe – woraus er Skepsis ableitete. Hier vollzieht sich genau der Schritt, den Popper für unzulässig hielt: Aus einer historischen Abwesenheit wird eine Gegenwartsregel. Das ist Geschichtsempirie im Kostüm einer Zukunftsdiagnose.
Carlo Masala, Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr München, steht für den strategischen Realismus der Kräfteverhältnisse – und im Fernsehen für eine Countdown-Logik. Die amerikanische Freigabe von ATACMS-Raketen deutete er bei „Markus Lanz“ als Eskalationskontrolle, nicht als Wende; die Ukraine verliere im Donbass, „die Russen drücken an allen Fronten“, Putin wolle vor Trumps Amtseinführung Fakten schaffen. Das Muster lautet stets: zu spät, zu wenig, nächstes Zeitfenster, neue Eskalationsstufe. Als Dauerschleife erzeugt es ein Grundgefühl der permanenten Verspätung – und wer immer zu spät ist, muss beim nächsten Mal härter handeln. So wird aus Analyse Mobilisierungsdruck; dieselbe Mechanik treibt die ewige Suche nach dem „Gamechanger“ an, in der militärtechnische Fragen den politischen Rahmen verdrängen.
Christian Mölling, lange bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik für Verteidigung zuständig, brachte die Grammatik im November 2025 bei „Markus Lanz“ auf den Begriff: Der diskutierte US-Friedensplan sei „die Schwächung der Ukraine – und die Vorbereitung auf den nächsten Krieg“. Auch Claudia Major, heute beim German Marshall Fund für transatlantische Sicherheit zuständig, gehört zu den wiederkehrenden Stimmen, die Zukunft vor allem als künftige Kriegsarena buchstabieren. Das alles braucht kein Komplott – aber es ist auch kein unschuldiger Zufall. Es ist eine Auswahl, getroffen von Menschen, die genau wissen, wie Fernsehen wirkt, und die ihre Autorität dennoch immer wieder derselben Grammatik leihen: Bedrohung, Zeitdruck, Versäumnis, Abschreckung, nächster Krieg. Wo aber blieben, mit gleicher ritueller Selbstverständlichkeit, die KI-Forscher, die Völkerrechtler, die Ökonomen, die Friedensvermittler? Der alte Generalstab hat ein Fernsehstudio bekommen – und das ist kein Unglück, das ihm widerfährt, sondern eine Rolle, die er annimmt.
Schädlich – und nicht unschuldig
Der entscheidende Einwand lautet nicht, dass diese Grammatik bloß ungenau wäre, sondern dass sie schädlich ist. Experimentelle Forschung zeigt, dass ein Stil, der zentrale Werte als bedroht inszeniert und in Konfrontationslogik denkt, das Bedrohungsempfinden steigert und die politische Toleranz senkt – gleich, ob die Hörer der Haltung ohnehin zuneigen. Ein Format, das Zukunft Abend für Abend als drohende Eskalation rahmt, verändert also nicht nur, was wir wissen, sondern wie wir urteilen: Es übt eine Öffentlichkeit darin ein, Ausgleich für Naivität und Eskalationsbereitschaft für Erwachsensein zu halten. Genau hier zerbricht die Schutzbehauptung von der Unschuld. Wer nur beschreibt, was ist, kann sich auf Neutralität berufen. Wer aber mit der Autorität des Lehrstuhls und des Instituts wieder und wieder die Sprache der Kriegstüchtigkeit normalisiert und die Sprache der Verständigung als weltfremd erscheinen lässt, beschreibt die Wirklichkeit nicht nur – er formt sie mit. Das ist keine Mitschuld am Krieg, wohl aber Mitverantwortung für ein Klima, in dem Krieg als die einzig erwachsene Option und Diplomatie als Feigheit gilt. Kompetenz mildert diese Verantwortung nicht; sie verschärft sie, weil das Publikum gerade den Klugen glaubt.
Was Geschichte kann – und was nicht
Damit die Kritik nicht in die Gegenblödheit kippt: Geschichte ist nicht nutzlos. Historische Muster zeigen, dass Staaten ihre Kosten regelmäßig falsch kalkulieren, dass Kriege selten nach Plan verlaufen, dass Logistik, Moral und Bündnisse entscheiden – und dass Beschwichtigung gegenüber revisionistischen Mächten scheitern kann. Die Forschung zu politischen Analogien bestätigt diese Doppelnatur: Vergleiche strukturieren und legitimieren Entscheidungen, sie können informieren – und ebenso in die Irre führen, wenn die falsche Parallele dominiert. Die Regel ist deshalb einfach: Geschichte darf Hypothesen liefern, aber keine Befehle erteilen. Der Fehler des Fernsehens ist nicht, Historiker zu befragen, sondern, ihnen die Rolle des Navigationssystems zu geben – und der Fehler der Befragten ist, diese Rolle zu übernehmen. Man bestellte auch keinen Eisenbahnhistoriker zum Hauptgutachter für Quantenkommunikation, nur weil beides mit Infrastruktur zu tun hat.
Warum die alten Muster heute versagen
Der Bruch, in dem wir leben, ist kein bloßer Wechsel der Waffen, sondern ein Wechsel des Rahmens. Der Stanford AI Index 2026 hält fest, dass die Fähigkeiten der KI nicht stagnieren, sondern sich beschleunigen und breiter verteilen. Wie tief der Eingriff reicht, zeigt ein Datum: 2024 ging der Chemie-Nobelpreis an AlphaFold und die computergestützte Proteingestaltung – Maschinen erzeugen neues Wissen, das sich aus keiner Extrapolation der Vergangenheit ableiten ließe. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass weltweit etwa ein Viertel aller Beschäftigten gegenüber generativer KI exponiert ist. Genau das ist die Pointe gegen den Historismus als Zukunftswissenschaft: Jene Variable, die Popper als Grund der Unvorhersehbarkeit benannte – das Wachstum des Wissens –, explodiert gerade. Die Wette auf die Wiederholung stand nie schlechter.
Auch militärisch ist der Rahmen verschoben. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI analysiert, wie autonome Waffensysteme und KI-gestützte Entscheidungssysteme die menschliche Rolle in der Zielfindung verändern; dass dies keine Zukunftsmusik ist, belegen die gemeldeten Einsätze KI-gestützter Zielauswahl in Gaza und der Ukraine, bei denen sich die Spanne zwischen Vorschlag und Angriff systematisch verkürzt. Wer einer solchen Ordnung primär mit Analogien zu 1914, 1938 oder 1962 begegnet, bringt einen Degen zur Drohnenschlacht. „Das war historisch immer so“ ist im KI-Zeitalter keine Erkenntnis mehr, sondern Wartungsstau.
Die friedenspolitische Aufgabe
Hier liegt, jenseits der Medienkritik, der eigentliche Einsatz. Wer in der Tradition der Gemeinsamen Sicherheit denkt – in der Linie von Willy Brandt, Egon Bahr, der Palme-Kommission und Erhard Eppler –, weiß, dass Sicherheit nie allein militärisch zu haben war. Die drängende Frage lautet deshalb nicht, ob sich 1938 wiederholt, sondern: Wie sehen Rüstungskontrolle, Eskalationsbegrenzung und gemeinsame Sicherheit unter den Bedingungen autonomer Waffen und maschinell beschleunigter Entscheidung aus? Darauf gibt der Rückspiegel keine Antwort, weil es kein Vorbild gibt, das man verlängern könnte – die Regeln für einen Krieg in Maschinengeschwindigkeit müssen erst erfunden werden. Dafür gibt es ein konkretes Zeitfenster: Die Gruppe von Regierungsexperten der Vereinten Nationen zu tödlichen autonomen Waffensystemen steht im letzten Abschnitt ihres Mandats; bis Ende 2026 soll über Eckpunkte verbindlicher Regeln entschieden werden. Das ist friedenspolitische Arbeit im genauen Sinn – gestaltend, vorausschauend, auf das Neue gerichtet – und exakt jene Zukunft, die der Geschichtsautomat nicht sehen kann.
Die Zukunft braucht keine Geschichtspriester
Der sicherheitspolitische Fernsehdiskurs der Gegenwart leidet an einer falschen Ehrfurcht vor der Vergangenheit. Er macht aus Historikern Orakel, aus Sicherheitsfachleuten Countdown-Erzähler, aus Geschichte Fatalismus – und kluge Menschen, die es besser wissen könnten, leihen ihm ihre Autorität. Das Ergebnis ist eine Öffentlichkeit, die sich für aufgeklärt hält, weil sie ständig vor Eskalation gewarnt wird, und die doch immer weniger darüber nachdenkt, wie Deeskalation unter neuen technologischen Bedingungen aussähe.
Geschichte bleibt unverzichtbar – als Archiv, als Warnsystem, als Korrektiv. Aber sie ist nicht das Betriebssystem politischer Urteilskraft. Diese Zukunft entscheidet sich nicht an Analogien, sondern an Systembrüchen: an KI und Autonomie, an Datenmacht und industrieller Anpassung, an gesellschaftlicher Widerstandskraft und politischer Vorstellungskraft. Wer den Frieden sucht, findet ihn nicht im Rückspiegel.
Die Vergangenheit ist kein Generalstab. Und kein Historiker ist ein Prophet.
Quellenverzeichnis
Historismus, Geschichtsprognose und politische Analogien
1. Metzler Lexikon Philosophie: „Historismus“ – Individualität, Entwicklung und die Abgrenzung von Walter Benjamin bis Karl Popper. spektrum.de
2. „Historizismus“ – die von Popper kritisierte Lehre der historischen Vorhersagbarkeit und ihre Abgrenzung vom Historismus. de.wikipedia.org
3. Karl R. Popper: „Das Elend des Historizismus“ – Kritik an Gesetzmäßigkeiten der Geschichte und an der Möglichkeit historischer Prognose. Google Bücher
4. Historische Analogien als Marker außenpolitischer Entscheidungen – strukturierende, legitimierende und potenziell irreführende Funktion (Humanities and Social Sciences Communications, 2026). nature.com
Medien und sicherheitspolitischer Diskurs
5. M. Welsch: Russlands Aggression gegenüber der Ukraine in den deutschen Talkshows 2013–2023 – empirische Analyse der Studiogäste (Ukraine-Analysen 289). bpb.de
6. M. Maurer, J. Haßler, P. Jost: Die Qualität der Medienberichterstattung über Russlands Krieg gegen die Ukraine – Präferenz für Waffenlieferungen statt Verhandlungen. laender-analysen.de
7. ZDF-Presseportal: „Markus Lanz“-Schwerpunkt zu Verteidigung, Wehrdienst und Krieg (März 2026). presseportal.zdf.de
8. IPG-Journal (FES): „Staatskunst statt Raketen“ – zur wiederkehrenden „Gamechanger“-Rhetorik im Waffendiskurs. ipg-journal.de
Die zitierten Fachleute und ihre öffentlichen Aussagen
9. Universität Potsdam: Profil Sönke Neitzel, Lehrstuhl für Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt. uni-potsdam.de
10. ZDF: Sönke Neitzel über einen „Systemkonflikt“ und die Parallele zu den Revisionsmächten der 1930er Jahre. zdf.de
11. ZDFheute: Sönke Neitzel über Eskalationsgefahr und seine Skepsis gegenüber Sanktionen („kein historisches Beispiel“). zdfheute.de
12. ZDF: Carlo Masala bei „Markus Lanz“ zu ATACMS, Eskalationskontrolle und der Lage der Ukraine. zdf.de
13. ZDF: „Markus Lanz“ vom 25. November 2025 – Christian Mölling zum US-Friedensplan und zur „Vorbereitung auf den nächsten Krieg“. zdf.de
14. German Marshall Fund: Profil Claudia Major, transatlantische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. gmfus.org
Künstliche Intelligenz als Systembruch
15. Stanford HAI: AI Index Report 2026 – beschleunigte, breiter verteilte KI-Fähigkeiten und gesellschaftliche Wirkung. hai.stanford.edu
16. Nature: Chemie-Nobelpreis 2024 für AlphaFold und computergestützte Proteingestaltung. nature.com
17. Internationale Arbeitsorganisation: Generative AI and jobs – A 2025 update (etwa ein Viertel der Beschäftigten exponiert; Transformation statt Ersatz). ilo.org
18. SIPRI: Autonomous Weapon Systems and AI-enabled Decision Support Systems in Military Targeting (Juni 2025). sipri.org
19. SIPRI Yearbook 2025, Kap. 12: Künstliche Intelligenz und internationaler Frieden – gemeldete Militär-KI in Gaza und der Ukraine, Stand der UN-Beratungen zu LAWS. sipri.org
Politische Wirkung konfrontativer Rede
20. Current Psychology (Springer): Demagogischer Diskurs steigert Bedrohungsempfinden und senkt politische Toleranz – drei Experimente, N = 999. link.springer.com


