Die zweite Blockade
Warum die US-Hafenblockade die Energiekrise verschärft – und was sie verdeckt
von Axel Fersen
Seit Ende Februar liegt die Strasse von Hormus weitgehend still. Iran hat sie nach den US-israelischen Angriffen gesperrt, nahezu zehn Millionen Barrel Tagesförderung verschwinden aus dem Weltmarkt, Brent kletterte im März auf 126 Dollar und liegt derzeit bei rund 102. Die EZB warnt vor einer Phase der Stagflation, Deutschland und Italien rutschen Richtung technische Rezession, der IWF korrigiert seine Wachstumsprognosen nach unten. Düngerpreise explodieren, Schiffsversicherungen vervielfachen sich, in Nordamerika ist die Gallone Benzin um über einen Dollar gestiegen. In dieser Lage erklärt Donald Trump am 12. April, die US Navy werde ihrerseits eine Blockade verhängen — gegen iranische Häfen, gegen jedes Schiff, das sich ihnen nähert oder sie verlässt. Seit Montagmittag ist die Anordnung in Kraft, getragen von 10.000 Marines und Seeleuten, mehr als einem Dutzend Kriegsschiffen und dutzenden Flugzeugen.
Der Vorgang ist offen widersprüchlich. Die iranische Blockade verursachte eine Energiekrise, die in Europa Industrieproduktion zerschneidet, Inflation treibt und Sozialsysteme belastet. Die US-Blockade beantwortet diese Krise nicht durch Öffnung, sondern durch eine zweite Schliessung. Es ist nicht Befreiung des Tankerverkehrs, sondern Verdoppelung des Engpasses. CENTCOM hat nachgeschoben, man werde nur Ein- und Ausfahrten iranischer Häfen sperren, der Transit nicht-iranischer Tanker bleibe frei. Der Markt glaubt der Differenzierung nicht und treibt Brent wieder Richtung 100 Dollar. Goldman Sachs hat die US-Rezessionswahrscheinlichkeit auf 25 Prozent angehoben, Oxford Economics modelliert 140-Dollar-Öl als Bruchpunkt, der Eurozone, Grossbritannien und Japan in die Kontraktion zwingt. Zahlen, die Trump seinen eigenen Wählern nicht zumuten kann.
Wenn die Blockade ökonomisch nicht aufgeht, muss sie etwas anderes leisten. Bemerkenswert ist, was sie nicht tut: Sie greift kein iranisches Kraftwerk, keine Entsalzungsanlage, keine zivile Infrastruktur an. Genau das hatte Trump bis Anfang April mehrfach angedroht — am 4. April das Ultimatum von 48 Stunden, sonst „Hölle“. Hinter den Kulissen haben die Golfstaaten gegen diese Eskalationslinie gearbeitet, und sie hatten gute Gründe. Nach dem Schlag gegen die Entsalzungsanlage auf der iranischen Insel Qeshm hatte Iran symmetrisch mit einer Drohne gegen eine Entsalzungsanlage in Bahrain zurückgeschlagen, was die Furcht vor einer Ausweitung des Krieges auf die Wasser-Infrastruktur einer Region weckte, die zur Hälfte der weltweiten Entsalzungskapazität beiträgt. Habshan in den Emiraten, Abu Dhabis grösste Gasaufbereitungsanlage, musste mehrfach den Betrieb einstellen; Saudi-Arabiens grösste Raffinerie wurde stillgelegt. Die GCC-Hauptstädte haben Washington unmissverständlich klargemacht, dass jeder weitere Angriff auf iranische Versorgungssysteme einen Vergeltungsschlag gegen ihre eigene Infrastruktur nach sich zieht — und damit ihre gesamte auf „Connectivity“ und Post-Öl-Wirtschaft gebaute Zukunft trifft. Iran hat das am Montag nochmals präzisiert: „Kein Hafen in der Region wird sicher sein.“ Die Marineblockade ist die Form, die Trump bleibt, nachdem die völkerrechtlich noch eindeutiger illegale Variante — Bombardierung ziviler iranischer Ziele — am arabischen Veto gescheitert ist.
Womit sich die Frage nach der eigentlichen Operation stellt. Seit Wochen berichtet Axios, das Pentagon entwickle Optionen für einen „finalen Schlag“ gegen Iran, und der Schwerpunkt vieler Pläne liege auf den Inseln im Persischen Golf, mit Abu Musa als bereits intern erörtertem Ziel. Kharg im Norden, Irans wichtigster Ölterminal — Trump hat öffentlich kokettiert: vielleicht nehme man Kharg, vielleicht nicht. Abu Musa und die beiden Tunbs am westlichen Eingang der Strasse, seit 1971 von Iran gehalten, von den Emiraten beansprucht und mit Raketen, Drohnen, Minenlegern bestückt. Qeshm, beschrieben als „Korken im wichtigsten Energietransitkanal der Welt“, mit unterirdischen Tunneln für Anti-Schiff-Raketen. Larak vor Bandar Abbas, Knotenpunkt der Mautaufsicht. Parlamentspräsident Ghalibaf hat öffentlich gewarnt, der iranische Geheimdienst habe Vorbereitungen zur Besetzung einer iranischen Insel durch ein „Land in der Region“ registriert — gemeint sind die Emirate. Die Marineblockade liefert die Logistik für genau eine solche Operation: zwei Marine Expeditionary Units, Minenräumer, Raketenzerstörer, Luftunterstützung. Dieselben Mittel, die zur „Öffnung der Strasse“ angekündigt sind, wären nötig, um Inseln einzunehmen und zu halten.
Damit fügt sich das Bild. Die Blockade verschärft die Energiekrise, statt sie zu lösen, weil sie nicht der Wirtschaft dient, sondern dem Aufmarsch. Die Schonung iranischer ziviler Ziele ist nicht Mässigung, sondern erzwungene Folge des arabischen Vetos. Was zur Schau steht, ist eine Marineoperation. Was vorbereitet wird, ist wohl eher eine Inseloperation gegen iranisches Territorium. Der Admiral a.D. James Foggo hat im NPR-Interview klar benannt, dass eine Blockade technisch ein Kriegsakt sei. Die Besetzung fremder Inseln ist es ebenso.


