von Axel Fersen
Belastend ist, was die Polizei aus Cerimedos Mobiltelefon extrahierte. In einer Notiz auf dem Gerät heißt es nach Darstellung der Staatsanwaltschaft: „Sag es niemandem. Aber Enriques Freundin hat uns verraten, erinnerst du dich? Die Nadia. Entweder wir beseitigen sie sofort, oder wir sind erledigt. Kennst du jemanden, der die Arbeit machen kann?“ Ein Chat mit einem Kontakt, gespeichert unter den Initialen E.C.G., enthält am Abend der Tat die Zeile: „Bruder, in diesem Moment haben sie auf sie geschossen.“ Bellers Anwalt Jerjes Justiniano bestätigte die Herkunft der Texte aus dem polizeilichen Gutachten (Infobae, 21. August 2026; Brújula Digital, 20. August 2026). Die Verteidigung hält das Material für rechtswidrig erlangt und verbreitet die Version eines selbst inszenierten Überfalls.
Bei Durchsuchungen im La Pazer Stadtteil Aranjuez fanden die Ermittler mehr als eine halbe Million Bolivianos in bar, dazu Dollar und Euro sowie Geräte, die der Staatsanwalt Carlos Torrez als „Mini-Bot-Farm“ bezeichnete (La República, 21. August 2026). Die Verteidigung bestreitet das. Überraschend wäre der Fund allerdings nicht. Cerimedo hat 2023 in einem Interview selbst damit geprahlt, rund 50.000 künstlich erzeugte Konten auf der Plattform X zu betreiben, und in einem weiteren Gespräch eingeräumt, „Negativkampagnen“ zu fahren, um das Ansehen gegnerischer Kandidaten zu beschädigen (Cooperativa, 24. August 2026). Das ist die Geschäftsgrundlage, nicht der Betriebsunfall.
Die Spur dieser Methode lässt sich über Jahre und Länder verfolgen. In Chile wurde seine Firma Numen SpA 2022 mit Desinformation im Verfassungsplebiszit in Verbindung gebracht, darunter eine gefälschte Umfrage, die einen Sieg des Lagers „Apruebo“ vorhersagte; abgelehnt wurde der Entwurf mit 62 Prozent (El País, 14. Mai 2026). In Brasilien behauptete Cerimedo nach der Niederlage Jair Bolsonaros in einem Livestream, die Wahl sei über die elektronischen Urnen gestohlen worden. Die Bundespolizei nannte ihn im Abschlussbericht zum Putschversuch 65-mal und führte ihn 2024 als einzigen Ausländer unter 37 Beschuldigten; das Oberste Wahlgericht wies die auf sein Material gestützte Anfechtung der Partido Liberal zurück und verhängte 22 Millionen Real Bußgeld wegen bösgläubiger Prozessführung (Correio Braziliense, 18. August 2026). Wer eine Wahlniederlage in einen Betrugsvorwurf umschreibt und damit einen Putschversuch grundiert, betreibt keine Kommunikationsberatung mehr.
The Economist nannte Cerimedo am 9. Dezember 2025 „MAGA’s man in LatAm“ (The Economist, 9. Dezember 2025). Der Titel ist verdient. Cerimedo führt die Beratungsfirma Numen in Buenos Aires; Geschäftspartner ist Brad Parscale, der 2016 Donald Trumps digitale Wahlkampfoperation leitete und 2020 dessen Wahlkampfmanager war. Parscale betreibt die Plattformen Campaign Nucleus und EyesOver, die Wählerdaten nach Demografie und digitalem Verhalten zerlegen und Netzdebatten in Echtzeit auswerten. Im März 2025 wurde Cerimedo zum Lateinamerika-Vertreter beider Firmen ernannt (C5N, 19. März 2025). Gegenüber der New York Times fasste er das Verhältnis knapp zusammen: Parscale habe die gesamte Infrastruktur aufgebaut, mit der er arbeite (New York Times, 3. Dezember 2025). Aktenkundig ist die Verbindung ebenfalls: Numen steht im Register des US-Justizministeriums nach dem Foreign Agents Registration Act (FARA-Exhibit, 29. September 2023).
Die bolivianische Tageszeitung El País aus Tarija hat dieses Geflecht schon im Mai 2026 rekonstruiert, drei Monate vor den Schüssen von Santa Cruz. Ihre achtteilige Serie „Bolivia Instrumentalizada“ zeichnet ein Muster nach, das sich in drei Ländern wiederholt: Argentinien 2023, Bolivien 2025, Honduras 2025. Überall gewann der beratene Kandidat, und überall folgten dieselben Weichenstellungen – Kreditvereinbarungen mit dem Internationalen Währungsfonds, Wiederaufnahme der Beziehungen zu Israel, Zulassung von Starlink, Zugang US-amerikanischer Investoren zu Lithium, Rückkehr der Drogenbehörde DEA (El País, 14. Mai 2026). Eine Frage hat in La Paz bis heute niemand beantwortet: Wer bezahlt Numen nach dem Wahltag weiter? Cerimedo blieb im Regierungsapparat, ohne je einen Posten zu bekleiden. Auf seinen Visitenkarten stand „Hauptberater“ des Präsidenten, Vizepräsident Edman Lara nannte ihn den „persönlichen Berater“ von Rodrigo Paz; der Regierungssprecher José Luis Gálvez sprach nach der Festnahme von „konkreten Anfragen im Kommunikationsbereich“. Ein Ausländer ohne Mandat, Vertrag und Rechenschaftspflicht saß in Kabinettssitzungen. Dieselbe Recherche zählt auch Nadia Beller zu diesem Zirkel; sie ist Zeugin und Geschädigte, keine unbeteiligte Beobachterin.
Damit wird der Fall zu einem europäischen Thema. Die amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie vom Dezember 2025 beginnt ihren Regionalteil nicht mit China, sondern mit der westlichen Hemisphäre: Man werde die Monroe-Doktrin wieder durchsetzen, um die amerikanische Vorrangstellung wiederherzustellen. Die Formel lautet „Enlist and Expand“ – befreundete Regierungen einspannen, neue Partner gewinnen (National Security Strategy, Dezember 2025). Trump selbst erklärte am 2. Dezember 2025, die Monroe-Doktrin sei dank seines Zusatzes „wiederbelebt und wohlauf“ (Development + Cooperation, März 2026).
Wenn eine Regierung befreundete Kräfte in einer ganzen Hemisphäre stärken will und zugleich private Firmen existieren, die genau dieses Geschäft betreiben, dann braucht es keine Weisung aus Langley mehr. Es genügt ein Markt. Bezahlt wird für Reichweite, geliefert wird, was Reichweite erzeugt: Trollnetze, Falschmeldungen über die Integrität von Wahlen, Rufmordkampagnen gegen einzelne Personen. Das Ergebnis sieht aus wie Außenpolitik, ohne je als solche verantwortet werden zu müssen. Die parlamentarische Kontrolle, die für Geheimdienste wenigstens auf dem Papier vorgesehen ist, gilt für Beratungsfirmen nicht.
Was das für die Beteiligten bedeutet, lässt sich in Buenos Aires beobachten. Javier Milei erklärte im Radio, Cerimedo gehöre nicht zu seinem politischen Raum, man habe sich 2023 getrennt. Die Zugangslisten der Casa Rosada verzeichnen dreizehn Besuche zwischen dem 11. Dezember 2023 und dem 5. Juni 2024; den letzten genehmigte der Präsidentenberater Santiago Caputo, zwei liefen über das Generalsekretariat von Karina Milei (La Nación, 22. August 2026; elDiarioAR, 19. August 2026). Der Sprecher Adrián Ravier räumte die Besuche ein, betonte aber, sie hätten nicht dem Präsidenten gegolten (La República, 25. August 2026). Wer eine Beziehung für beendet erklärt, die im Besucherbuch noch ein halbes Jahr weiterläuft, sollte sich über Nachfragen nicht wundern.
Quellen
1. Al Jazeera: „Bolivia arrests political adviser to Latin American right-wingers“, 18. August 2026
9. El País (Tarija): „Fernando Cerimedo, el hombre de MAGA que asesora a Paz“, 14. Mai 2026
11. The Economist: „MAGA’s man in LatAm“, 9. Dezember 2025
14. U.S. Department of Justice, FARA-Register, Exhibit AB (Numen), 29. September 2023
15. El País (Tarija): „Numen y Parscale: la máquina de ganar elecciones opera en Bolivia“, 14. Mai 2026
16. The White House: National Security Strategy of the United States of America, Dezember 2025
17. Development + Cooperation (D+C): „Lateinamerika soll wieder zum US-Hinterhof werden“, März 2026
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