von Axel Fersen
Am 23. September holte die spanische Nationalpolizei Maricarmen Abascal auf einer Krankentrage aus der Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro, in der sie siebzig Jahre gelebt hatte. Sie ist 87 Jahre alt. Den Mietvertrag hatte 1956 ihr Vater unterschrieben, weil die Mutter das als verheiratete Frau im Franco-Staat ohne Erlaubnis ihres Mannes nicht durfte. Der unbefristete Vertrag ging später auf die Tochter über, die Eigentümer respektierten die alte Miete. 2020 kaufte die Immobilienfirma Urbagestión die Wohnung und bot einen neuen Vertrag an, dreihundert Prozent teurer, 1.650 Euro im Monat und damit zweihundert Euro mehr, als die Rentnerin überhaupt an Rente bekam. Das Gericht erster Instanz gab der alten Frau recht, der Oberste Gerichtshof (Tribunal Supremo) der Firma. So hat es elDiario.es Schritt für Schritt rekonstruiert.
Bildquelle: KI-generiert (ChatGPT 5.6)
Zuletzt hatte Maricarmen nach Angaben der taz 500 Euro Miete gezahlt, die Forderung der Eigentümer kletterte schließlich auf 2.650 Euro. Den Kaufpreis der Wohnung beziffert die Zeitung auf 240.000 Euro, ihren heutigen Wert nach Medienberichten auf über 800.000 Euro. Als eine anonyme Schriftstellerin anbot, die verlangten 2.650 Euro für die Rentnerin zu übernehmen, kam von Urbagestión keine Zusage. Worum ging es einem Eigentümer, der sogar die eigene Wunschmiete ausschlug, wenn nicht um die leere Wohnung?
Die Vereinten Nationen hatten gewarnt. Ihr Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte hatte Spanien Monate vorher aufgefordert, die Räumung auszusetzen. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Wohnen, der Spanier Koldo Casla, sagte am Tag danach, die Richterin hätte die Räumung vorläufig stoppen müssen, „um einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zu vermeiden“. Für die Branche hatte er einen trockenen Satz übrig: „Wenn die Investition mit der Mieterin darin nicht rentabel ist, soll sie ihr Geschäft woanders machen.“ Der spanische Bürgerbeauftragte (Defensor del Pueblo) Ángel Gabilondo nannte den Fall „eine symbolische Referenz für das, was nie geschehen darf“.
Dass Maricarmen ungeschützt war, hat eine Vorgeschichte im Parlament. Im Februar 2026 stimmten Junts, die konservative Volkspartei PP und die rechtsextreme Vox im Kongress das Räumungsmoratorium nieder, das seit der Pandemie verletzliche Menschen ohne Ersatzwohnung vor der Straße bewahrt und auch Maricarmen rechtlich geschützt hatte. Die rechten Parteien sahen darin, so elDiario.es, einen Schutz für Hausbesetzer. In der Region Madrid kommt hinzu, was die taz beschreibt: Das Wohnungsgesetz der Linkskoalition von 2023 erlaubt es, angespannte Wohngebiete auszuweisen und die Mieten dort zu deckeln. Die PP-Regierung der Region wendet es nicht an. „Wir werden nicht in den Markt eingreifen“, erklärt Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso nach Angaben der Zeitung immer wieder, während in Katalonien und im Baskenland, wo die Regionalregierungen eingreifen, die Mieten in den ausgewiesenen Gebieten deutlich zurückgehen. In Madrid stiegen die Mieten in sieben Jahren um 70 Prozent, die Löhne um 14.
Am Tag nach der Räumung sprach Ayuso vor dem Unternehmerforum Círculo de Empresarios. „Die gerichtliche Anordnung ist nicht unsere Entscheidung“, sagte sie. Es habe sich um eine der 25.500 Räumungen gehandelt, die jedes Jahr in Spanien vollzogen würden, ausgeführt „von der Nationalpolizei, die die Regierung führt“. Das Wohnungsgesetz nannte sie „absurd“, die Proteste „immer gewalttätiger“, Pedro Sánchez einen Mann, der „kein Demokrat“ sei. Madrids Vizebürgermeisterin Inmaculada Sanz (PP) sprach von „algaradas“, also Krawallen, und von „Situationen der Gewalt“, ohne eine einzige zu benennen. Die Kundgebung vom Vorabend mit rund 10.000 meist jungen Teilnehmern hatte sich um 21.40 Uhr friedlich aufgelöst, und auch die Regierungsdelegation nannte auf Nachfrage keinen Gewaltvorfall.
Ort dieser Kundgebung war ein Penthouse im noblen Viertel Chamberí, das Ayusos Regionalregierung für mehr als sechs Millionen Euro erworben hat. Es misst 500 Quadratmeter, allein die Terrasse ist größer als eine durchschnittliche Madrider Wohnung. Die Idee zum Kauf stammte nach Ayusos eigener Darstellung von ihrem Team, ihr habe sie „nicht schlecht“ gefallen. Inzwischen will die Region das Objekt wieder loswerden und tut sich mit der Suche nach einem Käufer schwer.
Vox pflegt eine eigene Lesart. Das offizielle X-Konto der Partei schrieb am 27. September, wenn Maricarmen „Morocarmen“ hieße, hätte sie eine Wohnung. Parteichef Santiago Abascal nannte die Menschen, die auf der Puerta del Sol zelten, „Milizen von Sánchez“ und beklagte einen „Vorrang für Ausländer“ bei Sozialwohnungen. Dieselbe Partei hatte sieben Monate zuvor gegen jenen Räumungsschutz gestimmt, der Maricarmen noch gedeckt hatte.
Die Straße antwortete anders. Am 26. September zogen unter dem Ruf „Ni una Maricarmen más“ (Keine Maricarmen mehr) nach Angaben der Regierung 25.000, nach Angaben der Veranstalter 300.000 Menschen von der Puerta del Sol über das Rathaus zum Parlament, in rund vierzig spanischen Orten gab es Kundgebungen. Aus dem Krankenhaus ließ Maricarmen eine Videobotschaft verbreiten: Sie wolle, „dass das, was mir passiert ist, anderen nicht passiert“, dass die Leute kämpfen und die ungerechten Gesetze geändert werden, die ihre Räumung möglich gemacht haben. Seitdem steht ein Zeltlager auf der Puerta del Sol. Die Bewegung schont auch die Linksregierung nicht, deren Wohnungserlass seit Juli auf Eis lag. Nun will das Kabinett ihn am Dienstag beschließen. Die Mieterinnengewerkschaft (Sindicato de Inquilinas) verlangt unter anderem eingefrorene Mieten und unbefristete Verträge; Letztere trägt der sozialistische Teil der Regierung nicht mit.
Madrid ist kein Sonderfall. In der Europäischen Union stiegen die Hauspreise zwischen 2015 und dem dritten Quartal 2025 nach Angaben von Eurostat um 64,9 Prozent, die Mieten um 21,8 Prozent, und die Mieten zogen in allen 27 Mitgliedstaaten an. Die OECD hält in einem Bericht vom Juli 2026 fest, dass Hauspreise und private Mieten schneller wachsen als die Einkommen. Gleichzeitig ist der Anteil der Sozialwohnungen seit 2010 in fast allen Mitgliedsländern mit verfügbaren Daten geschrumpft, in rund zwei Dritteln liegt er unter fünf Prozent. Weltweit leben nach Schätzung von UN-Habitat, dem Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, 2,8 Milliarden Menschen ohne angemessenen Wohnraum, rund 40 Prozent der Menschheit. In Deutschland sind die Angebotsmieten in den 40 größten Städten binnen zehn Jahren um 51 Prozent gestiegen, in Berlin von 8,93 auf 15,80 Euro je Quadratmeter, ein Plus von 76,9 Prozent. Die Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) erschienen im Juli zu bundesweiten Mietenstopp-Aktionstagen.
Wer die Berliner Wahl vom 20. September verstehen will, muss bei diesen Zahlen anfangen. Nach der Bilanz des ZDF beherrschte das Wohnen den Wahlkampf, die Linke machte Mieten und Bezahlbarkeit zu ihrem Markenkern. Sie wurde mit rund 25 Prozent stärkste Kraft. Noch am Wahlabend nannte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) die Linkspartei im Fernsehen „antisemitisch“, AfD-Chefin Alice Weidel geißelte Pläne „mit Mietpreisdeckel, also mit plansozialistischen Elementen“. Drei Tage später, am Tag der Madrider Räumung, setzte die AfD im Bundestag eine Aktuelle Stunde über „Fälle von Antisemitismus, Polizeifeindlichkeit sowie Nähe zu Islamisten, Linksextremisten und Clans“ bei der Berliner Linken durch. Ihr Redner Gottfried Curio erklärte, über fünfzig Prozent der muslimischen Wähler hätten die Linke gewählt, und gewählt worden sei dabei „der dezidierte Antisemitismus der Partei“. Die Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic nannte es einen „politischen Treppenwitz“, dass sich ausgerechnet die AfD zum Ankläger aufschwinge.
Dagegen haben sich 150 jüdische Berlinerinnen und Berliner in einem offenen Brief gewandt, unter ihnen die Schriftstellerinnen Deborah Feldman und Eva Menasse. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt würden, sei eine „zynische politische Instrumentalisierung“ und setze „beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich“. Der jüdische Sozialunternehmer Shai Hoffmann benennt israelfeindliche bis antisemitische Haltungen in einzelnen Berliner Bezirksverbänden der Linken ausdrücklich. Zugleich fragt er, ob Rechte und autoritäre Kräfte „jüdische Sicherheit als moralisches Vetorecht gegen ein vielleicht auch unerwünschtes Wahlergebnis“ benutzen.
Antisemitismus muss benannt werden, wo er auftritt, mit Namen, Ort und Satz. Ein Sammelvorwurf gegen Hunderttausende, die eine Mietenpartei gewählt haben, leistet das nicht. In Madrid heißt das Etikett für die Wut über eine Miete, die schneller wächst als der Lohn, „Krawall“, bei Vox kommt das Bild vom Ausländer hinzu, der angeblich die Wohnung bekommt. In Berlin lautet es Antisemitismus. Die Menschen auf der Puerta del Sol und die Wählerinnen und Wähler in Berlin stellen dieselbe Frage: wem die Stadt gehört, in der sie wohnen. Die Politik sollte aufhören, diese Protestwelle in das Spektrum des Antisemitismus zu schieben, denn damit entwertet sie den Kampf gegen den Judenhass und lässt die Mieter mit ihrer Miete allein.
Quellen
1. Aranda Millán, Germán: Todo lo que ha fallado hasta desahuciar a Maricarmen. elDiario.es, 23.09.2026. https://www.eldiario.es/economia/fallado-desahuciar-maricarmen-sentencia-supremo-intransigencia-urbagestion_1_13531415.html
2. Wandler, Reiner: Mieten-Kampf in Spanien. Solidarität nach Zwangsräumung von 87-Jähriger. taz, 27.09.2026. https://taz.de/Mieten-Kampf-in-Spanien/!6216495/
3. Aranda Millán, Germán: El relator de la ONU para Vivienda asegura que la jueza „debería haber parado“ el desahucio de Maricarmen. elDiario.es, 24.09.2026. https://www.eldiario.es/economia/onu-vivienda-asegura-jueza-deberia-haber-parado-desahucio-maricarmen_1_13534312.html
4. Marón, Sara: Ayuso culpa a Sánchez del desahucio de Maricarmen. elDiario.es, 24.09.2026. https://www.eldiario.es/madrid/ayuso-culpa-sanchez-desahucio-maricarmen-manos-policia-nacional-gestiona-gobierno_1_13534138.html
5. Casado, Diego: El Gobierno de Almeida llama „algarada“ a la manifestación por Maricarmen y afirma, sin pruebas, que hubo „violencia“. elDiario.es, 24.09.2026. https://www.eldiario.es/madrid/somos/gobierno-almeida-llama-algarada-manifestacion-maricarmen-afirma-pruebas-hubo-violencia_1_13534580.html
6. Barandela, Marta: De 199 a 99 metros cuadrados de terraza: el expediente del ático del Gobierno de Ayuso confirma unas obras sin declarar. elDiario.es, 26.09.2026. https://www.eldiario.es/politica/199-99-metros-cuadrados-terraza-expediente-atico-gobierno-ayuso-confirma-obras-declarar_1_13533778.html
7. Tomàs, Lluís: Vox, sobre el desahucio de Maricarmen: „Si se llamara Morocarmen, tendría casa“. El Nacional, 27.09.2026. https://www.elnacional.cat/es/politica/vox-sobre-desahucio-maricarmen-si-se-llamara-morocarmen-tendria-casa_1701256_102.html
8. Cúneo, Martín: No se trata (solo) de Maricarmen: una gran manifestación presiona al Gobierno para que salga de su parálisis. El Salto, 26.09.2026. https://www.elsaltodiario.com/madrid/no-se-trata-solo-maricarmen-una-gran-manifestacion-presiona-al-gobierno-salga-paralisis
9. Ríos, Daniel / Monrosi, José Enrique: El Gobierno ultima el decreto de vivienda para aprobarlo el martes presionado por la calle y las exigencias de los socios. elDiario.es, 27.09.2026. https://www.eldiario.es/politica/gobierno-ultima-decreto-vivienda-aprobarlo-martes-presionado-calle-exigencias-socios_1_13538460.html
10. Eurostat: House prices and rents went up in Q4 2025. 07.04.2026. https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260407-1
11. OECD: Tackling the affordability gap through increased supply of affordable and social housing. Paris, Juli 2026. https://www.oecd.org/en/publications/tackling-the-affordability-gap-through-increased-supply-of-affordable-and-social-housing_60b5a398-en/full-report.html
12. UN News: UN searches for solutions to global housing crisis. 29.05.2025. https://news.un.org/en/story/2025/05/1163851
13. Der Tagesspiegel (dpa): Plus 76,9 Prozent in Berlin. Neue Zahlen zeigen drastischen Anstieg bei den Mieten in Deutschland. 03.07.2026. https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/dgb-erhebung-starke-mietsteigerungen-in-deutschen-grossstadten-15790939.html
14. Gross, Markus: Mieten und Machtfrage: Wer macht das Rennen in Berlin? ZDFheute, 20.09.2026. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/berlin-wahl-abgeordnetenhaus-wahlkampfbilanz-ausblick-100.html
15. Wolter, Eduard: Linke in Berlin vorn trotz Antisemitismus-Skandal und Vergesellschaftungsplan. Euronews, 20.09.2026. https://de.euronews.com/2026/09/20/linke-berlin-antisemitismus-skandal-vergesellschaftung-elif-eralp
16. Deutscher Bundestag: Heftiger Disput um Weltanschauung der Berliner Linken (Aktuelle Stunde). 23.09.2026. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw39-de-aktuelle-stunde-linke-1216886
17. ZDFheute: Antisemitismus-Vorwurf: 150 jüdische Berliner verteidigen Linke. 24.09.2026. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/brief-juden-juedinnen-linke-antisemitismus-berlin-wahl-100.html
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