von Axel Fersen
Seit dem 20. Juli starten über dem Northern Territory Australiens Kampfjets aus zwanzig Nationen. Bis zum 7. August fliegen dort rund hundert Maschinen mit etwa 2.500 Beteiligten die Übung „Pitch Black“, benannt nach den Nachtflügen über einem Land, in dem so wenig steht, dass niemand gestört wird. Deutschland ist mit sechs Eurofightern und rund 185 Soldatinnen und Soldaten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 aus Neuburg an der Donau dabei (Bundeswehr, 22.07.2026). Von Neuburg nach Darwin sind es gut 13.000 Kilometer.
Die Begründung: Interoperabilität mit Partnern jenseits der NATO (North Atlantic Treaty Organization) und ein Signal an Peking, gerichtet an Verbündete in einer Region, durch die ein erheblicher Teil des deutschen Außenhandels läuft. Nur wird sechs Wochen nach dem letzten Übungsflug in Sachsen-Anhalt gewählt.
Eine INSA-Umfrage vom 23. Juli 2026 sieht dort die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 24, die Linke bei 14, die SPD bei 5; Grüne, FDP und BSW liegen mit je 4 Prozent unter der Fünfprozenthürde (t-online, 23.07.2026). INSA-Chef Hermann Binkert, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts INSA-Consulere, rechnet vor, dass gut 42 Prozent für eine parlamentarische Mehrheit genügen könnten, sofern genügend kleine Parteien an der Hürde scheitern. Der Landesverband, um den es geht, wird vom Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. 2021 hatte dieselbe Partei 20,8 Prozent geholt. Eine Verdopplung in fünf Jahren ist keine Stimmungsschwankung.
Was tut das Geld unterdessen? Der Bundestag hat am 28. November 2025 Verteidigungsausgaben von 108,2 Milliarden Euro für das laufende Jahr beschlossen, davon 82,69 Milliarden im Einzelplan 14 und 25,51 Milliarden aus dem Sondervermögen Bundeswehr (Deutscher Bundestag, 26.11.2025). Bis 2029 soll die Summe auf rund 152 Milliarden steigen, was das Verteidigungsministerium selbst als Verdreifachung gegenüber 2023 beschreibt (BMVg, 26.11.2025).
Im selben Land meldet das KfW-Kommunalpanel 2026 einen wahrgenommenen Investitionsrückstand der Kommunen von 231,2 Milliarden Euro, ein Rekord. Die größten Lücken: Schulgebäude mit 68,9 Milliarden, Straßen mit 53,7 Milliarden. 44 Prozent der Kämmereien nennen ihre Finanzlage mangelhaft, das Jahr 2025 endete mit einem kommunalen Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro (KfW, 17.06.2026). Beim Straßenunterhalt geben 30 Prozent der Kommunen an, ihn kaum noch sicherstellen zu können; in Ostdeutschland sind es 47 Prozent. Also die Hälfte jener Kämmereien, deren Wähler am 6. September abstimmen.
Dazu die Kliniken: rund 10 Milliarden Euro Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben für die Patientenversorgung, etwa 70 Prozent der Häuser in den roten Zahlen, ein Drittel insolvenzgefährdet. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, weist darauf hin, dass Kommunen deshalb zwischen kommunaler Infrastruktur und Krankenhausversorgung wählen müssten (DKG, 19.03.2026). Am Arbeitsmarkt waren im Juni 2,936 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet; in der Industrie gingen binnen eines Jahres 174.000 Stellen verloren (Bundesagentur für Arbeit, Juni 2026).
Wehretat und Kommunalkassen sind bekanntlich verschiedene Töpfe, und seit März 2025 gibt es ein Sondervermögen Infrastruktur. Der Punkt liegt woanders. Er liegt darin, woraus Menschen ihren Eindruck von Staatlichkeit beziehen: aus der Brücke, die seit vier Jahren gesperrt ist, aus der Grundschule mit dem Eimer unter dem Dach, aus dem Klinikum im Nachbarkreis, das seine Geburtsstation geschlossen hat, aus dem Bus, der nicht mehr fährt.
Wer erlebt, dass für das Naheliegende kein Geld da ist, für die Verlegung von Kampfjets ans andere Ende der Welt aber schon, zieht daraus einen Schluss. Der Schluss mag falsch sein. Gezogen wird er trotzdem. Die Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen hat das offener formuliert als die meisten Parteien: Wenn die Leistungsfähigkeit des Staates in den Kommunen weiter erodiere, riskiere man, dass einfache Antworten auf komplexe Probleme immer mehr Zuspruch fänden (BVMB, Juni 2026).
Egon Bahr hat gesagt, Sicherheit sei nicht gegeneinander, sondern nur miteinander zu haben. Er meinte Staaten. Der Satz gilt auch nach innen. Eine Demokratie, die ihren Bürgern funktionierende Schulen und erreichbare Kliniken schuldig bleibt, verliert ihren Rückhalt schneller, als jede Luftwaffe ihn zurückfliegen kann. Für Magdeburg im Herbst fließt kein Sondervermögen, dafür gibt es kein Beschaffungsamt und keine Verlegeoperation. Es gibt nur den mühsamen Nachweis, dass demokratische Politik Probleme löst, an denen die Leute täglich vorbeigehen. 41 Prozent sind eine Quittung. Ausgestellt wird sie auch dann, wenn die Eurofighter aus Darwin längst wieder in Neuburg stehen.
Quellenverzeichnis
Manöver und Indopazifik-Politik
Bundeswehr (22.07.2026): Pitch Black – Luftkampfübung in Australien. https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/pitch-black-uebung
tagesschau (24.07.2024): Indopazifik-Politik per Luftwaffe. https://www.tagesschau.de/ausland/ozeanien/australien-japan-manoever-luftwaffe-100.html
Verteidigungshaushalt
Deutscher Bundestag (26.11.2025): Deutlicher Anstieg bei den Verteidigungsausgaben. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw48-de-verteidigung-1126048
Bundesministerium der Verteidigung (26.11.2025): Verteidigungshaushalt stärkt Deutschland und NATO. https://www.bmvg.de/de/aktuelles/deutschland-investiert-in-verteidigung-und-staerkt-das-buendnis-6045046
Kommunen, Gesundheit, Arbeitsmarkt
KfW Research (17.06.2026): KfW-Kommunalpanel 2026 – Kommunen wollen deutlich mehr investieren. https://www.kfw.de/Über-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_897920.html
Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (Juni 2026): Pressemitteilung zum KfW-Kommunalpanel 2026. https://www.bvmb.de/publikationen/pressemitteilungen/3871-pm-kfw-kommunalpanel-2026
Deutsche Krankenhausgesellschaft (19.03.2026): Kliniken befürchten deutlich steigende Defizite ab Herbst. https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/kliniken-befuerchten-deutlich-steigende-defizite-ab-herbst/
Bundesagentur für Arbeit (30.06.2026): Der Arbeitsmarkt im Juni 2026. https://www.arbeitsagentur.de/presse/2026-22-arbeitsmarkt-im-juni-2026
Umfragen Sachsen-Anhalt
t-online (23.07.2026): Umfrage zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt, INSA-Erhebung vom 23. Juli 2026. https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101357512/umfrage-zur-landtagswahl-sachsen-anhalt-dann-hat-die-afd-eine-chance-.html
Infratest dimap (Mai 2026): Sachsen-Anhalt-TREND. https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/sachsen-anhalt/laendertrend/2026/mai/


