Der Absturz
Der Weg der SPD in die Bedeutungslosigkeit
Nach den vorläufigen amtlichen Ergebnissen der Landtagswahl vom 8. März 2026 kommen die Grünen auf 30,2 Prozent, die CDU auf 29,7 Prozent, die AfD auf 18,8 Prozent und die SPD nur noch auf 5,5 Prozent. FDP und Linke scheitern jeweils mit 4,4 Prozent an der Fünfprozenthürde. Im neuen Landtag sitzen damit nur noch vier Parteien; die SPD ist mit gerade einmal zehn Listenmandaten vertreten. Das Statistische Landesamt spricht ausdrücklich davon, dass die SPD in Baden-Württemberg damit erstmals einstellig bleibt und es nur noch knapp über die Fünfprozenthürde geschafft hat.
Das vorläufige Endergebnis der Landtagswahlen in Baden-Württemberg 2026
Die SPD hat in Baden-Württemberg, wie in weiten Teilen der Republik, ihre politische Eigenart abgelegt. Sie hat kein unverwechselbares Wofür mehr, das über Verwaltungsrhetorik und allgemeine Zustimmungsformeln hinausreicht. Besonders sichtbar wird das am Bruch mit einem Teil ihrer traditionellen Wählerschaft, der die Sozialdemokratie einst nicht nur wegen sozialer Gerechtigkeit, sondern auch wegen ihrer friedenspolitischen Vernunft gewählt hat. Dass große Teile der Partei unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs und der neuen sicherheitspolitischen Lage ihre Positionen neu bestimmen mussten, ist offenkundig. Aber ebenso offenkundig ist, dass die neue Tonlage vieler Sozialdemokraten auf jene Milieus herablassend oder gar feindselig wirkte, die an Entspannungspolitik, Rüstungskontrolle und diplomatischer Nüchternheit festhalten. Wer die eigene pazifistische oder zumindest friedensskeptische Stammwählerschaft nicht politisch überzeugt, sondern moralisch abkanzelt, darf sich über den Rückzug dieser Wähler nicht wundern. Das ist keine Randnotiz, sondern ein Strukturfehler: Eine sozialdemokratische Partei, die ihre Bindekräfte nach innen verliert, wird nach außen nicht moderner, sondern kleiner.
Der Blick nach Europa zeigt, wie schnell aus Schrumpfung Bedeutungslosigkeit werden kann. In Frankreich war die Parti socialiste noch 2012 an der Macht; fünf Jahre später kam der sozialistische Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon im ersten Wahlgang nur noch auf 6,36 Prozent, und bei den anschließenden Parlamentswahlen fiel die PS laut Innenministerium auf 30 Sitze zurück. Politikwissenschaftliche Analysen beschreiben den Absturz als Folge eines doppelten Zerreißtests: eines Glaubwürdigkeitsverlusts nach der Präsidentschaft François Hollandes und einer Spaltung der Wählerschaft zwischen Macron in der Mitte und Mélenchon links. Mit anderen Worten: Wer seine soziale Basis enttäuscht und zugleich seine programmatische Kante verliert, wird zwischen technokratischem Zentrum und radikalerer Opposition aufgerieben.
In den Niederlanden lief der Prozess anders, aber mit ähnlichem Ergebnis. Die sozialdemokratische PvdA stürzte 2017 bei der Parlamentswahl nach Jahren der Regierungsbeteiligung in einer Koalition mit der rechtsliberalen VVD auf 5,7 Prozent und nur noch 9 Sitze ab. Die Kiesraad bestätigte das amtliche Ergebnis; die politikwissenschaftliche Deutung ist eindeutig: Die Partei wurde für ihre Regierungsrolle abgestraft, verlor ihr Profil und sah ihre Wähler an andere linke oder liberale Kräfte abwandern. Regierungsfähigkeit wurde dort nicht als Reife belohnt, sondern als Selbstauflösung bestraft. Wer immer nur beweist, dass er vernünftig mitverwaltet, beweist irgendwann vor allem, dass man ihn nicht mehr eigens wählen muss.
Italien liefert den drastischsten Fall. Der historische Partito Socialista Italiano verschwand in den frühen 1990er Jahren im Zuge von Tangentopoli und der Ermittlungen von Mani pulite praktisch aus dem bisherigen Parteiensystem. Die Affäre war mehr als ein Korruptionsskandal; sie zerstörte das Vertrauen in das gesamte politische Milieu der Ersten Republik, zu dem die Sozialisten unter Bettino Craxi zentral gehörten. Oxford University Press beschreibt, wie die Enthüllungen um Korruption und Parteienfinanzierung nicht nur Regierungen, sondern ganze Loyalitätsstrukturen pulverisierten. Der Punkt ist nicht, dass die SPD Baden-Württemberg heute mit dem PSI gleichzusetzen wäre. Der Punkt ist ein anderer: Traditionsparteien sterben selten an einem einzigen Fehler. Sie sterben, wenn sie ihre moralische Erzählung verlieren, ihre innere Bindung zersetzen und am Ende nur noch aus Organisation ohne Glauben bestehen.
Genau darin liegt die Warnung dieses baden-württembergischen Wahlabends. Die SPD ist nicht einfach deshalb auf 5,5 Prozent gefallen, weil die Zeiten schwierig sind oder weil der Südwesten nie ihr natürliches Biotop war. Sie ist abgestürzt, weil sie über Jahre hinweg verlernt hat, soziale Interessen, kulturelle Verankerung und friedenspolitische Glaubwürdigkeit zu einer erkennbaren politischen Form zu verbinden. Sie wollte modern erscheinen und wurde beliebig. Sie wollte staatstragend wirken und klang technokratisch. Sie wollte Härte zeigen und verlor Wärme. Sie wollte in der Sicherheitsfrage nicht naiv sein und wirkte auf Teile ihrer eigenen Basis nur noch wie eine Partei, die den alten sozialdemokratischen Instinkt der Machtbegrenzung gegen einen neuen Ton militärischer Selbstgewissheit eingetauscht hat. Das mag in Berliner Zirkeln für Realismus gehalten werden. Im Wählerkontakt wirkt es wie Entfremdung.


Die Sozialdemokraten waren schon immer eins der größten Probleme Deutschlands.
Weder sozial, noch demokratisch.