von Axel Fersen
In der vergangenen Woche zeigte das Thermometer in Saarbrücken-Burbach 41,3 Grad – nach vorläufigen Daten des Deutschen Wetterdienstes der höchste Wert, der in Deutschland je gemessen wurde. An 46 Stationen in elf Bundesländern fielen die 40 Grad, an mehr als 250 Stationen wurde es so warm wie nie zuvor (DWD, 28. Juni 2026). Wer in diesen Tagen morgens schon bei offenem Fenster schwitzte, brauchte keine Statistik, um zu ahnen, dass etwas aus dem Gleis geraten ist. Eine Studie der Forschergruppe World Weather Attribution hält fest, dass Temperaturen dieser Art ohne den menschengemachten Klimawandel nahezu ausgeschlossen wären.
Über Erhard Eppler ist an dieser Stelle bisher vor allem als Friedenspolitiker geschrieben worden. Sein ökologisches Werk blieb dabei eher im Hintergrund, obwohl es ihn ein Leben lang umtrieb – von Ende oder Wende (1975) bis zu seinen späten Reden. Schon 1972, im Band Die Qualität des Lebens, fragte er, ob Wirtschaftswachstum die Lebensqualität steigere oder zerstöre, und stellte das Verursacherprinzip gegen die reine Ökonomie (Friedrich-Ebert-Stiftung). Die heutige Hitze ist ein Anlass, diesen Eppler nachzulesen.
Denn anders als viele Zeitgenossen verstand er die Erderwärmung nicht als isoliertes Umweltproblem. In seiner Willy-Brandt-Rede in Lübeck am 2. November 2009 – sie trug den Titel Klimakrise, Finanzkrise und Staatszerfall. Was wird aus der Einen Welt? – verband er die Klimakrise mit der Frage, wer eine Gesellschaft eigentlich steuert: der Markt oder die Politik. Seine Antwort fiel knapp aus. Märkte, schrieb Eppler, könnten durch Steuern so gelenkt werden, dass sie etwas ökologisch Verantwortbares zustande bringen. „Aber dazu braucht es die Politik.“ (Eppler, Willy-Brandt-Rede 2009, S. 25)
Wer das ökologische Denken dem Markt überlasse, verkenne dessen Natur. Der Markt für Tropenhölzer, so Eppler in derselben Rede, frage nicht danach, was die Abholzung des Regenwaldes für das Klima bedeute; er sei darauf schlicht nicht ansprechbar. Eine Regierung dagegen sei es. Und was geschieht, wo Staaten zerfallen oder ihre Beschlüsse leer laufen? Eppler ließ daran keinen Zweifel: „Wo es sie nicht mehr gibt oder wo ihre Beschlüsse folgenlos bleiben, geschieht nichts.“ Klimaschutz, so seine Folgerung, verlange handlungsfähige Staaten – im Norden noch mehr als im Süden.
Damit war für ihn auch eine Frage der Gerechtigkeit berührt. Die armen Länder hätten die Erderwärmung nicht verursacht, hielt er fest – „Nicht SIE haben dieser Erde mehr zugemutet, als sie verkraften kann, sondern WIR. Also geht Klimaschutz nicht ohne Transferleistungen.“ Die aber, fügte er hinzu, würden durch die Finanzkrise immer unwahrscheinlicher: Regierungen, die ihre Banken retten und gegen die Rezession ankämpfen müssten, neigten dazu, einfach Wachstum zu fördern, gleichgültig ob es den Klimawandel bremse oder beschleunige. So verstärke eine Krise die andere.
Seine Diagnose blieb nüchtern bis zum Schluss. Selbst die Zwei-Grad-Grenze, warnte Eppler, sei kaum zu halten, „wenn alles getan würde, was heute nur auf dem Papier steht“. Das war 2009 geschrieben. Siebzehn Jahre später steht in Saarbrücken eine neue Zahl auf dem Papier, und vieles andere steht dort noch immer nur. Wer wissen will, woher der Mut kommen soll, der lese den letzten Satz jener Rede: Die Menschen hätten auf Katastrophen fast immer zu spät reagiert – aber wenn es ernst wurde, seien sie meist tapfer dagegen angegangen. Und manchmal hätten sie dabei sogar zusammengehalten.
Quellenverzeichnis
1. Erhard Eppler: Klimakrise, Finanzkrise und Staatszerfall. Was wird aus der Einen Welt? Willy-Brandt-Rede Lübeck 2009, Schriftenreihe der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Heft 21, Berlin 2010. willy-brandt-biografie.de
2. Deutscher Wetterdienst: Eine Hitzewelle für die Geschichtsbücher – Eine erste vorläufige Bilanz, Thema des Tages, 28. Juni 2026. dwd.de
3. Friedrich-Ebert-Stiftung: Erhard Eppler, Die Qualität des Lebens (1972) sowie Ende oder Wende (1975), Themenmodul Nachhaltigkeit / Umwelt. fes.de


